AK, WIIW: Kollektivvertragssysteme in Osteuropa stärken

Wien (APA) - Die Arbeitslosigkeit in den mittel- und osteuropäischen EU-Ländern ist in den letzten Jahren stark zurückgegangen und das Lohnn...

Wien (APA) - Die Arbeitslosigkeit in den mittel- und osteuropäischen EU-Ländern ist in den letzten Jahren stark zurückgegangen und das Lohnniveau steigt - allerdings nicht schnell genug, meint der Chefökonom der Arbeiterkammer Wien, Markus Marterbauer. Schuld daran sei auch eine Aushöhlung der überbetrieblichen Kollektivvertragssysteme, sagt Marterbauer und verweist auf eine aktuelle Studie des WIIW.

Der wirtschaftliche Aufholprozess der mittel- und osteuropäischen EU-Länder gehe langsamer voran als erwartet, so Marterbauer am Donnerstag bei einer Pressekonferenz in Wien. So sei das BIP pro Kopf in Bulgarien in den letzten zehn Jahren nur von 40 auf 50 Prozent des EU-Durchschnitts gestiegen. „Selbst in einem Land wie Polen, das eigentlich ein Frontrunner ist, wurde mittlerweile nur das Niveau von Griechenland erreicht.“

Österreich habe mehr als einen Grund, an einem rascheren Anstieg der Löhne in den östlichen EU-Ländern interessiert zu sein. „Wenn die Löhne rascher steigen, ist es auch attraktiver, in diesen Ländern zu bleiben.“ Der „massive Schwund der Bevölkerung in Osteuropa, vor allem im erwerbsfähigen Alter“ bereite der AK Sorgen. Außerdem seien die mittel- und osteuropäischen Länder wichtige Handelspartner und bei höheren Lohnniveaus wären sie aufnahmefähiger für österreichische Güter und Dienstleistungen.

Das Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW) hat im Auftrag der AK jene acht Länder untersucht, die für Österreich besonders wichtig sind: Polen, Tschechien, Ungarn, die Slowakei, Slowenien, Kroatien, Rumänien und Bulgarien. In dieser Region habe es zuletzt ein robustes Wirtschaftswachstum gegeben, sagte der Studienautor und stellvertretende Leiter des WIIW, Mario Holzner. Dieses Wachstum habe 2017 zwar „einen gewissen Zenit erreicht, aber auch die Prognose für die nächsten Jahre ist durchwegs gut, mit Wachstumsraten von drei bis vier Prozent“.

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Die Arbeitslosigkeit sei stark gesunken, in Tschechien könne man mit 2,4 Prozent Arbeitslosigkeit eigentlich sogar von Vollbeschäftigung sprechen. In der anderen Ländern betrage die Arbeitslosigkeit 4 bis 5 Prozent und sogar in Kroatien, das immer eine sehr hohe Arbeitslosenrate hatte, sei sie unter 10 Prozent gefallen, sagte Holzner. Dennoch sei die Lohnentwicklung bisher eher etwas verhalten gewesen. Eine Ausnahme in dem Zusammenhang seien Bulgarien und Rumänien, wo es schon länger ein relativ starkes Lohnwachstum gebe.

Ein Grund für die unter den Möglichkeiten liegende Lohnentwicklung sei „sicherlich der Abbau von Kollektivvertragssystemen in der Region im Zuge der Krise. Koordinierte Lohnfestsetzung wurde abgebaut, es kam zu mehr Flexibilisierung.“ Paradebeispiele dafür seien Rumänien und Slowenien, die einen ähnlich hohen Abdeckungsgrad bei den Kollektivverträgen gehabt hätten wie Österreich. „Im Zuge der Krise wurden diese Kollektivvertragssysteme ausgehöhlt.“ So sei es in Slowenien nun möglich, dass Kollektivverträge auf Unternehmensniveau die Arbeitnehmer gegenüber dem Branchenniveau schlechterstellen.

Auch ein stärkerer Lohnanstieg würde für diese Länder mittelfristig kein Wettbewerbsproblem bringen, sagte Holzner, denn das Lohnniveau sei im Vergleich zu Westeuropa noch immer sehr niedrig. „Wir sprechen hier von Stundenlöhnen im Bereich von sechs, sieben Euro.“ Längerfristig werde vor allem die Massenauswanderung die Löhne stark steigen lassen und die Alterung der Bevölkerung das Arbeitskräfteangebot knapp halten. Das WIIW empfiehlt, die kooperativen Lohnsetzungsmechanismen in diesen Ländern zu stärken und zu überlegen, wie man angesichts der Abwanderung die Qualifikation der Bevölkerung verbessern könnte.

~ ISIN WEB http://www.arbeiterkammer.at

http://www.wiiw.ac.at/ ~ APA257 2018-07-26/12:40


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