Schonfrist für Gustav Kuhn

Hans Peter Haselsteiner, Präsident der Tiroler Festspiele Erl, will den Vorwürfen gegen den Dirigenten mit „Ernsthaftigkeit und Akribie“ nachgehen. Aber erst nach Abschluss der heurigen Festspiele.

Gustav Kuhn und Präsident Hans Peter Haselsteiner bei der Eröffnung der Festspiele Anfang Juni.
© Hans Osterauer

Von J. Leitner und M. Schramek

Erl, Innsbruck – Eine Nacht hat Festspiel-Präsident Hans Peter Haselsteiner vergehen lassen, ehe er sein Antwortschreiben aufsetzte. In einem am Mittwoch publik gewordenen offenen Brief haben fünf ehemals bei den Tiroler Festspielen in Erl engagierte Musikerinne­n massive Vorwürfe gegen Festspielgründer und Intendant Gustav Kuhn erhoben. Die Frauen schreiben von „anhaltendem Machtmissbrauch und sexuellen Übergriffen“, von „unerwünschten Küssen“, dem „Griff zwischen die Beine“, „ungehemmter Aggression“, „Mobbing, öffentlicher Bloßstellung, Demütigung und Schikane“. Es sind nicht die ersten Anschuldigungen, mit denen sich Kuhn konfrontiert sieht. Aber erstmals beglaubigen fünf mutmaßliche Opfer die Vorwürfe mit Unterschrift und vollem Namen.

Der Brief habe ihn „einerseits schockiert und andererseits überrascht“, schreibt Haselsteiner und kündigt an, dass den „erhobenen Vorwürfen mit Ernsthaftigkeit und Akribie nachgegangen wird“. Allerdings erst ab kommendem Montag. Er wolle das Ende der derzeit laufenden Festspiel-Sommersaison abwarten. Als Künstlerinnen würden die fünf Verfasserinnen des offenen Briefes sicher Verständnis für „die kleine Verzögerung“ aufbringen. Schließlich sei das „Outing“ der Frauen ausgerechnet zum Start des „Rings des Nibelungen“ öffentlich geworden: „Ein Zyklus, der dem Dirigenten Gustav Kuhn alles abverlangt, insbesondere, weil er an vier aufeinander folgenden Tagen gespielt wird.“

Anwalt: Dirigent sei das Opfer einer „Menschenjagd

Kuhn, für den die Unschuldsvermutung gilt, ließ die Vorwürfe bereits am Dienstag über seinen Anwalt, den ehemaligen FPÖ-Justizminister Michael Krüger, vehement dementieren. Der Dirigent sei das Opfer einer „Menschenjagd“.

In seinem Antwortschreiben verwies Hans Peter Haselsteiner auf die derzeit laufenden Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Innsbruck, diese prüfe die erhobenen Vorwürfe – und „wird ihnen sicher ab sofort die Gelegenheit geben, dies zu präzisieren“. Zudem wäre es „in hohem Maße wünschenswert, wenn nicht gar unabdingbar notwendig“, dass sich die Frauen der eigens für diese Fälle bestellten unabhängigen Ombudsfrau, Christine Baur, anvertrauen. Diese kündigte gestern im Gespräch mit der TT an, dass sie mit den fünf Verfasserinnen des Briefes in Kontakt treten werde. Sie nehme die Vorwürfe „sehr ernst“ und habe auch den Eindruck, dass sich die Geschäftsführung und der Vorstand der Festspiele des Ernstes der Lage bewusst sind, so die ehemalige grüne Soziallandesrätin.

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Die Ombudsstelle wurde von den Festspielen im März eingerichtet, nachdem online Vorwürfe gegen die Festspiele erhoben wurden. Sowohl Kuhn als auch Haselsteiner haben insgesamt zwölf Klagen gegen den Ötztaler Blogger angestrengt, der die Debatte mit der Veröffentlichung anonymisierter Vorwürfe gegen die Festspiele Anfang des Jahres in Gang setzte. Acht Verfahren sind derzeit noch anhängig. Eine medienrechtliche Klage gegen den Blogger zog Kuhn zurück. Im zivilrechtlichen Verfahren schien zuletzt ein Vergleich wahrscheinlich.

Vorstand der Stiftung will weitere Vorgehensweise festlegen

„Jetzt sind zunächst die Staatsanwaltschaft und die Ombudsfrau am Zug“, erklärte Kulturlandesrätin Beate Palfrader (ÖVP) gestern auf Nachfrage der TT.

In der kommenden Woche wird der Vorstand der Stiftung Tiroler Festspiele Erl zusammentreffen, um „die weitere Vorgehensweise im Einvernehmen festzulegen“. Diesem gehört neben Palfrader und Haselsteiner auch Jürgen Meindl, Leiter der Kunst- und Kultursektion im Bundeskanzleramt, an.

Konkret auf die Zukunft von Gustav Kuhn in Erl angesprochen, blockt Palfrader ab: „Kuhns Zukunft hängt davon ab, was bei den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft herauskommt. Die Vorwürfe gegen ihn sind schockierend, aber bevor nichts anderes bewiesen ist, gilt die Unschuldsvermutung“, führt sie aus. Grundsätzlich gelte es aber festzuhalten, dass Gustav Kuhn ein „großartiger Künstler und absolute Weltklasse“ sei.

Palfrader: „Ich weiß nicht, was Kuhn vorhat“

Einen vorzeitigen Abschied des Dirigenten will die Kulturlandesrätin allerdings nicht ausschließen: „Ich weiß nicht, was Kuhn vorhat.“ Bereits am Mittwoch hatten die Tiroler Grünen, immerhin der Koalitionspartner von Palfraders ÖVP, die vorläufige Suspendierung des unter Beschuss geratenen Festspielchefs gefordert: Kuhn solle aus dem Scheinwerferlicht treten, bis alle Vorwürfe geklärt sind, verlangte Georg Kaltschmid. Ähnlich sieht das auch Landtagsabgeordneter Markus Sint von der Liste Fritz. „Wenn ich in Tirol etwas zu sagen hätte, dann wäre Kuhn schon längst suspendiert.“

Gustav Kuhns Vertrag als Leiter der Erler Festspiele läuft noch bis 2020. Die Bewerbungsfrist für seine Nachfolge endete im Juni. 15 Bewerbungen seien dafür in Erl eingegangen, darunter auch solche von „bekannteren Namen“, sagt Palfrader. Im Herbst soll ein Fünfervorschlag von einer Jury diskutiert werden. Gustav Kuhn selbst wird in die Personalentscheidung nicht eingebunden sein.


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