Flüchtlinge: 600 Migranten stürmten Spaniens Nordafrika-Exklave Ceuta

Madrid/Ceuta/Algeciras (APA) - Die Grenze zwischen der spanischen Nordafrika-Exklave Ceuta und Marokko ist gleich mit zwei über sechs Meter ...

Madrid/Ceuta/Algeciras (APA) - Die Grenze zwischen der spanischen Nordafrika-Exklave Ceuta und Marokko ist gleich mit zwei über sechs Meter hohen Grenzzäunen und messerscharfem NATO-Stacheldraht gesichert. Dennoch ist es Hunderten illegalen Migranten Donnerstag früh gelungen, in Ceuta einzudringen und damit Europa zu erreichen. Kein Zufall: Seitdem Italien die Küsten dicht macht, ist Spaniens ein neues Hauptziel der Migranten.

Sie nutzten die frühen Morgenstunden, um gegen 7.00 Uhr einen Grenzabschnitt zu erstürmen, an dem die Überwachungskameras blinde Winkel haben. Fast eineinhalb Stunden versuchten die spanischen und marokkanischen Grenzbeamten die aus Staaten südlich der Sahara stammenden Flüchtlinge aufzuhalten. Sie gingen allerdings so „brutal wie nie zuvor“ gegen die sich in der Unterzahl befindlichen Beamten vor, erklärte ein Polizeisprecher. Die Flüchtlinge attackierten die Grenzschützer sogar mit selbstgebauten Flammenwerfern und Branntkalk. Vier Beamte und elf Migranten mussten mit Verbrennungen, Verätzungen, Schnittwunden oder Knochenbrüchen ins Krankenhaus eingeliefert werden. Nach Angaben vom Roten Kreuz wurden insgesamt aber 132 Personen verletzt.

Obwohl die spanische und marokkanische Polizei zahlreiche Migranten am Grenzübergang hindern konnten, erreichten rund 600 Flüchtlinge laut einem Rot-Kreuz-Sprecher die spanische Nordafrika-Exklave. Wo die Migranten untergebracht werden können, weiß man noch nicht. Das temporale Auffanglager (CETI) hat bereits seine maximale Aufnahmekapazität um fast 30 Prozent überschritten. Das Problem: Normalweise werden die Migranten aus der Kleinstadt schnell in größere Aufnahmelager nach Andalusien aufs spanische Festland gebracht.

Doch das ist derzeit kaum möglich. Auch hier sind die Migranten-Aufnahmezentren nach einem seit Wochen anhaltenden Flüchtlingssturm vollkommen überlastet. Am Montag mussten 200 Bootsflüchtlinge sogar auf dem Rettungsboot der spanischen Küstenwache im Hafen von Algeciras übernachten, weil es keine verfügbaren Plätze mehr für sie in den Aufnahmezentren gab. „Wir haben in den vergangenen Tagen bereits drei neue Zentren in Andalusien aufgemacht, um alle Migranten unterzubringen zu können“, erklärte Andalusiens Rot-Kreuz-Sprecher Miguel Domingo der APA die „alarmierende Situation“.

Seit Anfang des Jahres wurden alleine in der zu Algeciras gehörenden Provinz Cadiz 6.296 Migranten in der Meerenge von Gibraltar gerettet. Allein am Mittwoch wurden 392 Personen in 31 Booten registriert. „Wir sind auf diese Massen von Flüchtlingen nicht vorbereitet. Unsere Küste entwickelt sich zum neuen Lampedusa“, erklärte Algeciras‘ Bürgermeister Jose Ignacio Landaluce der Zeitung „El Mundo“ (Donnerstagsausgabe). „Das ist kein Problem mehr, dass der Bürgermeister von Algeciras oder Spaniens Innenminister lösen muss, sondern die Europäische Union“, so Landaluce.

Tatsächlich ist die Zahl der Menschen, die versuchen, mit Booten die nur 15 Kilometer breite Meerenge von Gibraltar zwischen Marokko und Spanien zu durchqueren, in den vergangenen Monaten so angestiegen wie sonst nirgendwo. Am Mittwoch habe man vor der Südwestküste des Landes insgesamt 72 Migranten aus sechs Booten gerettet, teilte der spanische Seerettungsdienst auf Twitter mit. Am Dienstag waren im Alboran-Meer und in der Straße von Gibraltar im westlichen Mittelmeer bereits 484 Menschen aus insgesamt 30 Booten geborgen worden.

Erst vor wenigen Tagen hatte die Internationale Organisation für Migration (IOM) mitgeteilt, dass Spanien zum neuen Haupt-Zufluchtsort illegaler Migranten geworden sei. Bis Mitte Juli kamen demnach rund 18.000 Männer, Frauen und Kinder über die westliche Mittelmeer-Route in Europa an. Die Zahl der Flüchtlinge auf dieser Route habe sich 2018 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum fast verdreifacht und übertreffe bereits die Ankünfte in Italien und Griechenland.

Grund für den derzeitigen Ansturm auf Spanien sei mit Sicherheit die Flüchtlingspolitik der neuen, rechtspopulistischen Regierung in Rom, welche die italienischen Häfen für illegale Migranten dicht gemacht hat, sowie die blockierte Balkanroute über Griechenland, erklärt Migrations-Experte Ernest Beorlegui von der Universität Navarra im Gespräch mit der APA. Es kämen jedoch weitere Faktoren hinzu. „Spanien hat endgültig die Wirtschaftskrise überwunden, es gibt wieder mehr Jobmöglichkeiten und ist damit wieder ein attraktiveres Endziel für Migranten geworden“, so Beorlegui.

Unterdessen wirft die konservative Opposition der neuen sozialistische Regierung vor, mit ihrer neuen Flüchtlingspolitik illegalen Migranten zusätzlich Anreize zu geben, nach Spanien zu kommen. So bot Spaniens neuer Regierungschef Pedro Sanchez nicht nur NGO-Rettungsschiffen mit Migranten wie im Juni der „Aquarius“ spanische Häfen an, nachdem Italien sie abwies. Madrid führte nun auch wieder die „universelle Gesundheitsversorgung“ ein, die illegalen Einwanderern in Spanien den Zugang zum staatlichen Gesundheitssystem garantiert. Zudem sollen aus „humanitären Gründen“ die Stacheldrähte an den Grenzzäunen zu den spanischen Nordafrika-Enklaven Ceuta und Melilla entfernt werden, an denen sich Flüchtlinge bei ihren Versuchen, die Zäune zu überwinden, regelmäßig schwere Schnittverletzungen zufügten.

Trotz des derzeitigen Flüchtlingsansturms hält Sanchez an einer „gemeinsamen, verantwortungsvollen, aber auch humaneren Flüchtlings- und Asylpolitik“ in Europa fest, wie er vergangene Woche bei einem Treffen mit EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker in Madrid erneut unterstrich.

Was in Deutschland, Österreich oder Italien eventuell zu großen Gesellschafts- und Parlamentsdebatten führen würde, findet mehrheitlich Zustimmung unter den Spaniern. Dem jüngsten Eurobarometer der EU-Kommission zufolge stehen 63 Prozent der Spanier der Einwanderung aus Drittstaaten positiv gegenüber. Nach Irland der zweithöchste Wert in der Europäischen Union.


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