Mankells Erstling „Der Sprengmeister“: Ein politisches Arbeiterleben

Wien (APA) - Es ist ein leises Buch, das es verdient, genau gelesen zu werden. „Der Sprengmeister“ ist der 1973 erschienene Debütroman des B...

Wien (APA) - Es ist ein leises Buch, das es verdient, genau gelesen zu werden. „Der Sprengmeister“ ist der 1973 erschienene Debütroman des Bestsellerautors Henning Mankell. Lange vor den Wallander-Krimis legte der 2015 verstorbene Autor mit dem ihm eigenen, schon damals großen Gespür für seine Figuren ein Porträt eines schwedischen Arbeiters vor. Mankells Erstling erscheint nun erstmals auf Deutsch.

Das Buch behandelt die Lebensgeschichte des Oskar Johansson, der 1888 in Nörköping als Sohn eines Latrinenleerers geboren wird und 1969 stirbt. Als junger Mann überlebt Oskar 1911 wie durch ein Wunder einen Sprengunfall, der ihn ein Auge und den Großteil einer Hand kostet. Seine Freundin Elly, vielleicht vom Sohn ihres Arbeitgebers schwanger, verlässt den Verstümmelten und heiratet einen anderen. Oskar kehrt in seinen Beruf zurück, ehelicht ihre Schwester Elvira, mit der er ein bescheidenes Leben in einem Wohnblock führt und drei Kinder bekommt.

Oskar engagiert sich politisch in der Sozialdemokratie, geht auf Demos und glaubt an eine Revolution, die nie eintritt. „Es hat sich schon viel verändert, nur nicht für uns“, sagt Oskar im Rückblick über die Arbeiter. Und: „Arbeiter ist man immer geblieben.“ Seine letzten Sommer verbringt der Witwer in einem umgebauten Sauna-Häuschen in den Schären. Er geht fischen, hört Radio, spielt Karten und trinkt Kaffee.

Dort besucht ihn ab 1962 der Erzähler und versucht, sich der Lebensgeschichte Oskars anzunähern. Der alte Mann erzählt nur in Fragmenten, aus denen sich langsam das Bild eines politischen Arbeiterlebens zusammensetzt. „Die Sätze verflechten sich ineinander, lösen sich wieder“. Der Erzähler stellt fest: „Oskar stellt keine Betrachtungen über sich selbst an. Er betont nur immer wieder, es sei nichts Besonderes an ihm gewesen, aber er sagt nie, was er denn für besonders hielte.“

Das von Verena Reichel und Annika Ernst übersetzte Werk zeichnet einfühlsam anhand eines Lebens die Veränderungen einer ganzen Gesellschaft nach. Die Sprache ist schlicht, den Protagonisten entsprechend, die Gedanken dahinter sind es nicht. Vieles wirkt notizenhaft, als wäre es nicht ganz ausgearbeitet. Unvermittelt und offenbar unstrukturiert wechseln direkte Rede der Hauptfigur, Außensicht Dritter und Erinnerungen Oskars, die vielleicht nur der Erzähler konstruiert. „Oskar Johansson ist zwei Personen. Tatsächlich war er ein ehemaliger Sprengmeister, der die Sommer über in einer Sauna wohnte. Und es gibt den anderen Oskar Johansson, der zum Protagonisten einer Erzählung wird. Beide sind an Hirnblutung gestorben. Die Erzählung ist der Versuch einer Rekonstruktion dessen, was Oskar eigentlich nie gesagt hat“, heißt es.

Dem Roman angehängt ist ein 1997 verfasstes Nachwort von Henning Mankell, in dem er Einblick in die Entstehungsgeschichte des Werks gibt: „Ich saß da und schrieb dieses Buch mit dem Gedanken, damit zu debütieren.“ Er schrieb den Roman auf einer unzuverlässigen Schreibmaschine in einem zugigen Arbeitszimmer, mit Blick auf die amerikanische Botschaft, vor der beständig gegen Imperialismus und Vietnamkrieg demonstriert wurde. Zuvor hatte er lediglich kurze Texte veröffentlicht, hatte einige Manuskripte zerrissen, die ihm für eine Veröffentlichung nicht gut genug erschienen.

Der Autor hält fest, es sei seither viel geschehen: „Einige Mauern wurden eingerissen, andere errichtet“, doch „die Armen und Ausgebeuteten sind in den vergangenen fünfundzwanzig Jahren nur noch ärmer geworden.“ Mit Mankell lässt sich selbst 45 Jahre nach Ersterscheinen konstatieren: „Was in diesem Buch steht, gilt auch weiterhin unverändert.“

(S E R V I C E - Henning Mankell: „Der Sprengmeister“, Aus dem Schwedischen von Verena Reichel und Annika Ernst. Paul Zsolnay Verlag, 192 Seiten, 21,60 Euro)


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