Kunstraub in Wien - „Anatol studiert das Leben“ von Susanne Falk

Wien (APA) - Dreihundertsiebenunddreißig Sekunden bis zum Orgasmus, vierzehn Sekunden, um ein Bild zu stehlen. Die titelspendende Hauptfigur...

Wien (APA) - Dreihundertsiebenunddreißig Sekunden bis zum Orgasmus, vierzehn Sekunden, um ein Bild zu stehlen. Die titelspendende Hauptfigur Anatol in Susanne Falks neuem Roman „Anatol studiert das Leben“ hat einen ausgeprägten Zähl- und Kontrollzwang, lernt am liebsten das Kursbuch der Österreichischen Bundesbahnen auswendig und wird auch sonst dem Status eines Sonderlings gerecht.

Um das Herz einer französischen Kunststudentin zu gewinnen, stiehlt der Antiheld, der als Museumsaufseher im Wiener Kunstforum arbeitet, Chagalls „Traum der Liebenden“ und macht sich damit auf den Weg nach Frankreich. Erinnerungen an den spektakulären Saliera-Diebstahl aus dem Wiener Kunsthistorischen Museum von 2003 werden wach.

In drei Erzählsträngen wechselt die Handlung zwischen Anatols Versuch, nach Nantes zu gelangen, der Familie, die hinter Anatol und der Polizei, die hinter allen her ist. Das ist teils unterhaltsam, teils bemüht, etwa wenn Sätze wie „Lulu machen gehen, anziehen, raus mit euch!“ fallen oder Vergleiche wie „...Gerhard sägte durch sein beharrliches Schnarchen eine steirische Eiche nach der anderen um“.

Die Deutsche Susanne Falk, deren bisherige Romane bei Rowohlt erschienen sind, hat mit Picus ein Verlagshaus in ihrer Wahlheimat Wien gefunden und legt auch ihren Text in ebendieser an. Lokalkolorit wie die Döblinger Villa der Großmutter, eine ehemalige Burgtheater-Schauspielerin, fehlen im Roman ebenso wenig wie Melange und Maronitorte sowie Streifzüge durch die Wiener Museen. Falk selbst hat lange als Aufsicht in einer Wiener Kunstausstellung gearbeitet, um ihr Studium zu finanzieren.

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Damit ist das Milieu des Romans umrissen. Die einprägendste Figur ist nicht etwa der Hauptprotagonist selbst, sondern die Großmutter, eine dramenzitierende Burgdiva, die ihre Familie wie eine Marionettenspielerin in der Hand hat. Als Anatol beschließt, entgegen dem Wunsch seiner Familie nicht zu studieren, sondern Museumsaufseher zu werden, sagt diese nur: „Ach, lasst ihn. Andere gehen auf die Universität, Anatol studiert halt das Leben.“

Als promovierte Germanistin spart Falk nicht mit Hinweisen auf klassische Texte, wenngleich sich ihr Anatol nicht als frauenverführender Hallodri aufführt wie die Figur von Arthur Schnitzler, sondern der ist, der unverhofft verführt und genauso schnell wieder abserviert wird. Doch wie Schnitzlers Anatol sammelt er Erinnerungen an seine Verflossenen: ein zerbrochenes Matchboxauto, das leere Etui einer Blockflöte, ein kaputter brauner Plastikbecher aus einem Kaffeeautomaten, eine leere Ginflasche und ein Stück Holzkohle. Nach und nach klären sich die Geschichten zu den Reliquien auf.

Mit „Anatol studiert das Leben“ hat Falk eine leichte Sommerlektüre geschaffen. Der Text gliedert sich, gleich einem klassischen Drama, in fünf Teile und folgt auch sonst diesen Regeln. Am Ende stehen jedoch nicht Tod und Katastrophe, sondern alle Konflikte lösen sich im Happy End auf. Die Plausibilität sollte dabei nicht allzu genau hinterfragt werden.

(S E R V I C E - Susanne Falk: „Anatol studiert das Leben“, Picus Verlag Wien, 360 Seiten, 18 Euro; Präsentation: 17. Oktober, 19.30 Uhr, im Café Museum, Wien 1, Operngasse 7)


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