Folter unter den Klangwundern

Claudio Monteverdis hinreißende „L’Incoronazione di Poppea“ als ein Stück Welttheater von William Christie und Jan Lauwers bei den Salzburger Festspielen.

© APA

Von Ursula Strohal

Salzburg –Neue Sicht auf Vertrautes gehört neben Taufrischem und Vergessenem zu Markus Hinterhäusers Opernkonzept der Salzburger Festspiele. Risikoreich und naturgemäß nicht ausschließlich glückhaft im Ergebnis, aber so durchschlagend, dass hier schon in kürzester Zeit eine eigene, aufregende Ästhetik entstanden ist. Den unterschiedlichen Ausformungen wuchs am Sonntag mit Claudio Monteverdis „L’Incoronazione di Poppea“ ein starkes Statement zu.

William Christie als charismatischer Pionier der historisch informierten Aufführungspraxis mit seinen Les Arts Florissants auf der musikalischen, der belgische Performer Jan Lauwers mit Tänzern auf der szenischen Seite, verschmolzen diese „Poppea“ im Haus für Mozart zu einem barocken Gesamtkunstwerk, einem Stück Welttheater. Da ging es nicht um Positionen, sondern um die Amalgamierung eines widersprüchlichen Stoffes: die Liebesgeschichte zwischen Kaiser Nero und seiner Mätresse Poppea, verbunden durch Sex and Crime. Der Despot foltert, mordet, verbannt. Seine Praktiken griffen im alten Rom und irritierten aktuell Monteverdi und den Librettisten Busenello anno 1642. Dass Machtmissbrauch und Zügellosigkeit unvermindert diskutiert werden, macht „Poppea“, wo Moral-, Religions- und Identitätskrisen gefährlich wuchern, zu einem tief schürfenden Werk. Dem Philosophen Seneca, seinem Erzieher und Berater, befiehlt Nero die Selbsttötung, Busanello hält auch das in der Oper fest.

Grausame Zustände am römischen Hof, die Monteverdi in die herrlichste Musik kleidet. William Christie begegnet ihr hochartifiziell, mit spannender Unmittelbarkeit, Klangwundern, Rhythmen, die forttragen, und Momenten, die die Zeit aufheben. Er sitzt am Cembalo inmitten seines hinreißend guten Ensembles, aufgeteilt in zwei große Continuo-Gruppen (Cembali, Orgel, Gamben, Violoncello, Kontrabass, Lauten, Harfe, Dulzian). Sie wechseln sich ab in der Charakterisierung der handelnden Personen oder ergänzen sich variierend, es kommt zu Klängen mit berückend farbigem Innenleben. Das Orchester besteht nur aus zwei Geigen (Hiro Kurosaki), Blockflöte und fallweise eingesetzten Zinken. Die stilistisch überragenden Musiker richten sich nach den Sängern, der Stimmung, der Situation.

Was sich jenseits der klanglichen Herrlichkeit abspielt – hier gewinnen ja die „Bösen“, Nero und Poppea –, nimmt Jan Lauwers mit seiner Regie, Choreographie und Bühnengestaltung ernst. Er visualisiert mit Tänzern der Needcompany und der Salzburger Tanzakademie BODHI PROJECT & SEAD die Abgründe von Neros und Poppeas Macht und Leidenschaft. Auf einem Untergrund, der auf den ersten flüchtigen Blick wie ein dicht bestickter Gobelin wirkt und sich als Gemälden entlehnte Collage bloßer Menschenleiber entpuppt, errichtet er eine Kuppel für Neros Leichen, Versehrte und Unorientierte, für die Opfer der Despoten aller Zeiten, für die Unbehausten dieser Welt. Als auswegloser Mittelpunkt ein um sich selbst drehender Mensch. Was Figuren kleidet, halten LemmBarkey in barocken Farben. In der Gartenszene, wenn die Amme Poppea das wunderbare Schlaflied singt, formen die Tänzer eine barocke Skulptur.

TT-ePaper gratis testen und 5 x 1.000 € Geburtstagsgeld gewinnen

Die Zeitung kostenlos digital abrufen, das Testabo endet nach 4 Wochen automatisch.

Jetzt testen
TT ePaperTT ePaper

Lauwers Arbeit ist präsent, ohne sich vorzudrängen. Sein Respekt gehört der Musik, die Sänger agieren oft auf Laufstegen rund um die Instrumentalisten. Kate Lindsey und Sonya Yoncheva als gesanglich verführerisches, intensiv laszives Liebespaar, Stéphanie d’Oustrac als schönstimmige Ottavia, Renato Dolcinis herrliche, vernichtete Stimme der Vernunft (Seneca), das junge Paar gut besetzt mit Carlo Vistoni (Ottone) und Ana Quintans (Drusilla) und Dominique Visse, ein ganz Großer, besser denn je als Arnalta.


Kommentieren


Schlagworte