Am Tor zur Trennung der Zeiten

Packendes Stück auf knapp 2800 Metern: Eduard Demetz’ „Tempo Separato“ in der höchsten Bärenhöhle der Welt uraufgeführt.

Musikalische Welturaufführung in alpiner Funktionskleidung: Eduard Demetz’ „Tempo Separato“ in der Conturineshöhle.Foto: Usc di Ladins

Von Marianna Kastlunger

Alta Badia –„Ohne Verrücktheiten wäre die Welt langweiliger“, ist Eduard Demetz überzeugt. Das Konzertpublikum, das sich am vergangenen Samstag in alpines Funktionsgewand statt in feine Roben hüllte, scheint dem bekannten Grödner Komponisten in dieser Hinsicht beizupflichten. Denn um überhaupt in den Genuss seines neuesten Werks zu kommen, galt es vorerst, einen mehrstündigen Aufstieg zur Conturineshöhle zu bewältigen. Und zwar alternativlos per pedes.

Die Ortswahl in den Dolomiten des Fanes-Gebiets ist kein Zufall: 2017 jährte sich zum dreißigsten Mal jener paläontologisch sensationelle Fund einer Bärenhöhle, der aussagekräftige Schlüsse über das hiesige Klima der Mittelsteinzeit zuließ. So wurde etwa erwiesen, dass damals noch keine Schotterfelder und karge Steinschichten die Umgebung prägten, sondern saftige Wälder und Wiesen – eine Erkenntnis, die sowohl Demetz als auch sein befreundeter Künstler Lois Anvidalfarei als Basis für ihr Schaffen nutzten.

Anlässlich des Fundjubiläums im vergangenen Jahr stellte Anvidalfarei zwei Bronzeplastiken her, die mittlerweile unter dem Titel „Integra“ in einem Gerüst am Eingang zur Höhle installiert sind: Die eine stellt einen Menschen in Embryonalstellung dar, die andere einen Körper im freien Fall. Da die Höhle nur im Rahmen offizieller Führungen besucht werden kann, versperrt ein Gittertor den Eingang ins Innere und unterteilt das Gerüst in zwei Szenen. Eine Texttafel des Schriftstellers Erri de Luca erläutert Thema und Beweggründe der beiden Werke: „Irgendwo im Inneren regt sich der Wunsch nach Urgeschichte, nach der Rückkehr zum Embryo.“ Bezeichnenderweise befindet sich die Figur des freien Falls außerhalb des Tors, während sich die Embryonalfigur in der Höhle in wohliger Sicherheit wiegen kann.

So stehen die zwei Werke für die Urwelt und die Moderne, aber auch für den totalen Schutz und das völlige Chaos – eine Allegorie, die Demetz inspirierte. Seine nachhaltig konzipierte Erstaufführung von „Tempo Separato“ (Anm.: getrennte bzw. geteilte Zeit) in der Höhle bildete den Abschluss von „Integra“ mit einer packenden, urzeitlich anmutenden Perkussions-Performance des Schlagzeugensembles conTakt.

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„Ich spürte die besondere Energie dieses speziellen Ortes“, schildert Demetz. Er wollte der Frage nachgehen, wie diese zwei Welten miteinander verbunden seien, und fand eine Antwort beim deutschen Philosophen Peter Sloterdijk: „Kultur ist die Summe aller Entlastungen von Mühen und Anstrengungen von früher. Doch wenn wir allzu Entlasteten die Mühen vergessen, tritt Dekadenz ein“, gibt der Komponist zu bedenken. „Bei der 12-minütigen Musikperformance kann vielleicht jemand im Bauch spüren, wie es vor 60.000 Jahren in der Höhle war, als die Bären hier wohnten, oder gar die untrennbare Verbindung zum Ursprung nachfühlen“, fährt er fort. Der mühevoll erwanderte Zutritt zur Höhle erfüllt wohl einen ähnlichen Zweck.


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