Faustdicke Mythen hinter den Ohren

Um das Ohr rankt sich viel Irrglaube. Herbert Riechelmann, Direktor der Uniklinik für HNO in Innsbruck, erklärt, was es mit der Selbstreinigung der Ohren auf sich hat und was er von Ohrenschliefern hält.

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Von Theresa Mair

Mythos oder Wahrheit: Wattestäbchen sind schlecht für die Ohren? Wattestäbchen dienen der Reinigung des Gehörgangs. Allerdings verfügt das Ohr normalerweise über einen Selbstreinigungsmechanismus und muss gar nicht ausgeputzt werden. Es reicht ein Taschentuch oder ein Handtuch, mit dem man nach dem Duschen die Ohrmuschel auswischt. „Selten gibt es Menschen, die extrem viel Ohrenschmalz produzieren. Sie sollten sich ungefähr alle halben Jahre das Ohr vom HNO-Arzt reinigen lassen", sagt Klinikdirektor Herbert Riechelmann. Wer sich das Wattestäbchen trotzdem nicht nehmen lassen will, muss aufpassen, dass er nicht zu tief in das Ohr bohrt und nur äußerlich den Eingang des Gehörgangs putzt. Einerseits kann es sein, dass man das Ohrenschmalz sonst nach innen schiebt, statt herausholt. Andererseits droht Verletzungsgefahr. Das Trommelfell könnte durchbohrt werden. Einer Patientin seien sogar die Gehörknöchelchen abgebrochen, nachdem sie das Handy ans Ohr hielt, in dem noch ein Wattestäbchen steckte.

Wasser darf nicht ins Ohr gelangen — stimmt das? Nein, Wasser darf ohne Weiteres ins Ohr gelangen. Nur wenige Menschen neigen dazu, schnell eine Gehörgangsentzündung zu bekommen, die noch schmerzhafter ist als, eine Mittelohrentzündung. „Bei diesen Patienten ist das Wasser problematisch, weil ein Feuchtkeim für die Entzündung verantwortlich ist", erklärt Riechelmann. Um vorzubeugen, rät er diesen Patienten, das Ohr nach dem Schwimmen oder Duschen eine Minute auf mittlerer Stufe trockenzuföhnen. Bei Stress hört man das Blut im Ohr rauschen. Echt jetzt? „Ja, im Ohr ist ein Mordslärm. Nicht nur bei Stress. Das liegt daran, dass die Kopfschlagader durch die Mittelwand des Mittelohrs verläuft", sagt der Experte. Trotzdem hören wir das Rauschen nicht immer. Das liegt daran, dass im Hirnstamm und im Mittelhirn Zentren sitzen, die dafür spezialisiert sind, die Pulsgeräusche und andere Störgeräusche auszufiltern. Ohne solche Filter wären wir einer dauernden Reizüberflutung ausgesetzt. „Nur bei großer körperlicher Anstrengung lassen diese Filterstationen das Geräusch durch, um der Großhirnrinde zu melden, dass etwas anders ist als normal. Bei Stress kann schon einmal sein, dass der Blutdruck steigt und wir das Betriebsgeräusch des Innenohrs hören", erklärt Riechelmann. Der Mensch könne nur einen Fehler machen: sich auf das unwichtige Geräusch konzentrieren. „Das ist bei einem Tinnitus genau verkehrt. Damit signalisiert man der Großhirnrinde, dass das Geräusch wichtig ist und es da bleiben soll. Deshalb ist es wichtig, sich abzulenken", sagt der Experte. Nur wenn es ganz schlimm und laut ist oder man auch noch schlechter hört, sollte man einen HNO-Arzt aufsuchen.

Nachts oder wenn man im Gras liegt, kriechen Ohrenschliefer ins Ohr. Ist da etwas dran? „Ich bin seit über 35 Jahren HNO-Arzt und mir ist noch nie ein Patient untergekommen, dem ein Ohrwurm oder Ohrenschliefer ins Ohr gekrabbelt wäre. Die Härchen am Gehörgangseingang verhindern das auch", verweist Riechelmann die Ohrkriecher ins Reich der Mythen. „Alle Jubeljahre" würde es aber tatsächlich vorkommen, dass eine Mücke ins Ohr fliegt und dort einen Höllenlärm veranstaltet. Meistens kämen die Fluginsekten aber von selbst wieder heraus. Wenn sie sich verirren, werden sie vom HNO-Arzt abgesaugt.

Kaugummikauen hilft, wenn das Ohr zufällt. Wahrheit oder Lüge? Wahrheit. Der Mittelohrraum ist luftgefüllt. Wenn der Luftdruck außen steigt, drückt es das Trommelfell nach innen und umgekehrt. Doch es gibt eine Röhre, die das Mittelohr mit dem Nasen-Rachen-Raum verbindet, die eustachische Röhre. Sie wird beim Schlucken geöffnet, damit sich der Druck anpasst. Wenn die eustachische Röhre nicht richtig aufgeht, dann spricht man von einer Tubenfunktionsstörung. Dann muss man nachhelfen. „Im Flieger wird bei der Landung der Außendruck plötzlich höher als im Mittelohr. Durch Schlucken oder Gähnen muss die Tube aktiv aufgemacht werden, damit wieder Luft hineinkommt. Das funktioniert oft nicht so gut und tut weh. Dann hilft es, sich die Nase zuzuhalten und die Wangen aufzublasen oder Kaugummi zu kauen", erklärt Riechelmann.

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Ein fataler Irrglaube: Hörgeräte bringen eh nichts. „Hörgeräte sind für Menschen ein Segen. Da hat sich sehr viel getan", betont Riechelmann. Gerade ältere Menschen, die schlecht hören, ziehen sich oft zurück. Es sei extrem wichtig, dass man ihnen ein bestmögliches Hören verschafft, damit sie wieder am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können. „Rückzug ist ein erster Schritt in die Demenz. Wenn man bei Angehörigen Anzeichen der Demenz entdeckt, soll man das Hören unbedingt überprüfen und wieder verbessern lassen. Wenn Hörgeräte nicht ausreichen, gibt es moderne Hörimplantate. Das ist ein wesentliches Mittel, um eine Demenz zu verhindern oder ihr Fortschreiten aufzuhalten."


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