39. Jazzfestival Saalfelden: Ulrich Drechsler mit „neuem Spielplatz“

Saalfelden (APA) - Vielseitigkeit kann schon mal in viel Arbeit ausarten: Ulrich Drechsler ist seit Jahren umtriebiger Jazzquerdenker, der s...

Saalfelden (APA) - Vielseitigkeit kann schon mal in viel Arbeit ausarten: Ulrich Drechsler ist seit Jahren umtriebiger Jazzquerdenker, der sich kaum auf einen Stil festnageln lässt. Genau diesen Charakterzug hat er nun auch seinem neuen, äußerst umfangreich angelegten Projekt „Liminal Zone“ verpasst. Seinen „neuen Spielplatz“, wie er es nennt, präsentiert der Musiker zum Auftakt des 39. Jazzfestivals Saalfelden.

„Es ist ein Riesending“, erzählt Drechsler mit hörbarer Vorfreude in der Stimme. Die Grundidee sei vor gut zwei Jahren entstanden. „Zuletzt bin ich in so vielen musikalischen Bereichen tätig gewesen - ob es Jazz, Elektronik, klassische Einflüsse waren. Immer habe ich versucht, so viel wie möglich in ein neues Vorhaben reinzunehmen, und ich bin immer kläglich gescheitert. Also habe ich beschlossen, mir selber ein Geschenk zu machen.“ Statt einem sind dadurch drei Projekte entstanden. „Das ist ‚Liminal Zone‘: Eine Plattform, auf der diese drei Dinge im Laufe des kommenden Jahres installiert werden.“

Den Startschuss in Saalfelden werde es „in dieser Form nur einmal geben“, betont der gebürtige Deutsche im APA-Interview. „Hier werden die Musiker aus dem Elektronikprojekt und dem Jazz/Worldprojekt gemeinsam spielen.“ Die Klassikausrichtung ist derzeit noch im Entstehen. Insgesamt sind am Vorhaben knapp 15 Musiker sowie Fotografen, Filmemacher und Grafiker beteiligt. „Das ist mein großer, neuer musikalischer Spielplatz“, unterstreicht Drechsler. Wie sich dieser konkret ausgestalten wird, das wird sich in weiterer Folge bei Konzerten im Musikverein, Supersense oder Porgy & Bess zeigen.

Wieso aber der doch sehr aufwendige Zugang? Gemeinsam mit seiner Plattenfirma habe sich Drechsler die Frage gestellt, „wie das Publikum heute Musik konsumiert. Es kam heraus, dass die Leute vielmehr an den Geschichten interessiert sind, als dass man alle paar Jahre ein Album veröffentlicht, damit auf Tour geht, und dann ist lange wieder nix. Daher die Idee: Packen wir die Entstehung von diesem riesengroßen Ding einfach in die Öffentlichkeit. Darum lassen wir eine Geschichte wachsen, weshalb auch die Videomacher und Fotografen dabei sind. Es soll eine Art Gesamtkunstwerk werden.“

Als Kopf des Ganzes gibt es für ihn natürlich reichlich zu tun. „Genau“, lacht der Musiker. „Es wird immer größer, weil mir immer neue Dinge dazu einfallen.“ Allerdings lasse er sich bei seinen Vorhaben viel Vorlaufzeit. „Auch jetzt habe ich noch ein ganzes Jahr, dieses Ding entstehen zu lassen, bis es nächstes Jahr im Herbst veröffentlicht wird. Da geht sich alles recht gut aus. Außerdem habe ich mir, wo ich nur konnte, viel kompetente Hilfe geholt. Aber es ist mit Abstand das Größte, was ich je gemacht habe.“

Als roter Faden dienen wiederum britischer und skandinavischer Trip-Hop, Neoklassizismus und skandinavische sowie persische Folklore. „Das sind die Musikarten, die eigentlich die Parameter, die mir am wichtigsten sind, nämlich Klang und Emotion, am besten widerspiegeln. Mir ging es nie darum zu zeigen, wie schnell, wie laut, wie kompliziert ich spielen kann. Die Leute im Konzert wollen in erster Linie gut unterhalten und nicht noch zusätzlich angestrengt werden.“ In der Kunstmusik und im Jazz würden Künstler aus seiner Sicht schnell Gefahr laufen, „die Dinge künstlich zu verkomplizieren“.

Unterstützung erhält Drechsler in Saalfelden von Pianist Simon Raab, dem Rhythmusgespann Judith Ferstl (Bass) und Judith Schwarz (Drums) sowie Elektroniker Peter Zirbs. An den Mikrofonen werden Clara Luzia, Özlem Bulut und Yasmo für die vokalen Feinheiten sorgen. Als vierte Sängerin wird im weiteren Verlauf der „Liminal Zone“ noch Lucia Leena von der Band Listen To Leena hinzustoßen. Die richtigen Leute zu finden sei jedenfalls keine leichte Aufgabe. „Es gibt viele tolle Musiker, aber für mich zählen natürlich auch die Menschen“, so Drechsler. „Man muss sich auf sozialer Ebene gut verstehen.“

Insofern sei das gemeinsame Musizieren „wie ein Beziehungsleben“, betont der Jazzer. „Es geht um den achtsamen, respektvollen Umgang miteinander, es geht um das Zuhören, und es geht natürlich darum, sich selber einzubringen. Aber das Ziel sollte sein, dass am Ende ein gemeinsames Ganzes entsteht. Also muss man eine Balance entwickeln, dass man dieses Ganze nicht aus den Augen verliert und trotzdem jedem seinen Freiraum lässt.“ Genügend Platz sollte es in dieser umfangreichen „Liminal Zone“ jedenfalls geben. Man darf gespannt sein, was sich da in den kommenden Monaten entwickeln wird.

(Das Gespräch führte Christoph Griessner/APA)

(S E R V I C E - www.ulrichdrechsler.com; www.jazzsaalfelden.com)


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