Währungskrise in der Türkei: Internationale Pressestimmen

Die Währungskrise in der Türkei sowie die Spannungen mit den USA sind auch am Dienstag bestimmende Themen. Die internationale Medienlandschaft äußert sich dazu wie folgt:

Der Wertverfall der Lira beschäftigt auch internationale Medien.
© AFP

„El Mundo“ (Madrid)

Der Absturz der türkischen Lira und das Risiko einer Destabilisierung eines für die globale Geostrategie so wichtigen Landes sind besorgniserregend. Die Zentralbank in Ankara hat gestern versichert, sie werde jede nötige Liquidität zur Verfügung stellen, um den Spekulationen gegen die heimische Währung entgegenzutreten. Aber das ist ganz offensichtlich nicht genug. Wir stehen vor einer perfekten Krise. Diese wurde von der unklugen Entscheidung (Donald) Trumps ausgelöst, von heute auf morgen die Zölle auf Stahl und Aluminium aus der Türkei zu verdoppeln.

Der US-Präsident will nicht einsehen, dass die Weltwirtschaft von Regeln wie denjenigen der Welthandelsorganisation gesteuert wird und dass deren Nichteinhaltung verheerende Folgen hat. Zur Verantwortungslosigkeit Trumps kommt hinzu, dass die Märkte der konfusen Wirtschaftspolitik von (Staatspräsident Recep Tayyip) Erdogan nicht vertrauen.“

„De Standaard“ (Brüssel)

„Niemand hat ein Interesse daran, dass das Land nach den Jahren eines schnellen Wachstums nun in einer Depression landet. Noch unattraktiver ist die Vorstellung, dass das Land, das auf Wunsch der EU die Flüchtlingsroute über den Balkan geschlossen hält, destabilisiert wird. Daran möchten EU-Regierungschefs am liebsten gar nicht denken.

Mehr direkte Risiken für Europa und insbesondere für die Eurozone sind allerdings mit den politischen Entwicklungen in Italien verbunden. Die neue italienische Regierung aus der populistischen Fünf-Sterne-Bewegung und der rechten Lega hat zwar bei ihrem Amtsantritt versprochen, Pläne für einen Austritt aus der Eurozone aufzugeben. Jedoch bedeutet das längst nicht, dass die Spannungen zwischen Rom und Brüssel verschwunden sind.“

„De Telegraaf“ (Amsterdam)

„Der Streit zwischen den USA und der Türkei und der damit verbundene Zusammenbruch der türkischen Wirtschaft haben das Potenzial, die NATO zu spalten, der Europäischen Union erneut einen Flüchtlingsstrom aufzuhalsen, die Türkei in die Arme von Russland und/oder China zu treiben und die Türken in Europa gegen den Westen aufzuhetzen.

Der Konflikt schreit nach einer diplomatischen Vorgehensweise, aber das entspricht nicht dem Charakter der Hauptdarsteller Recep Tayyip Erdogan und Donald J. Trump. Die sind besser für den Boxring geeignet, als für das Schachspiel.“

„Financial Times“ (London)

„Der Anstieg des Dollars in Verbindung mit höheren Zinsen hat den Schwellenländern einen doppelten Schlag verpasst. Argentinien war im Mai das erste Land, das diesen Druck auf seinen Peso zu spüren bekam. Es gelang dem Land, seine Währung mit kräftigen Zinserhöhungen sowie durch die Einschaltung des IWF - ungeachtet der damit verbundenen historischen Vorbehalte - zu stabilisieren. In der Türkei stehen solche Optionen wohl nicht zur Verfügung. Erdogan ist offenbar gegen weitere Zinserhöhungen, die er fälschlicherweise als Inflationstreiber darstellt, und auch gegen eine Rettungsaktion durch den IWF. Die dürfte angesichts der Spannungen im Verhältnis zu den USA ohnehin schwierig zu bekommen sein.“

„NZZ“ (Zürich)

„Immer wieder hat Erdogan in der letzten Zeit angedeutet, die Partnerschaft mit den USA aufzukündigen. Dass er diese Drohung wahr machen könnte, erscheint mittlerweile keineswegs mehr undenkbar. Das bilaterale Verhältnis ist so belastet wie nie. Die für den Westen strategisch so wichtige NATO-Mitgliedschaft der Türkei stünde damit zur Disposition. Die Russen und Chinesen stehen jedenfalls schon bereit, um die Lücke zu füllen und sich Ankara als strategische und wirtschaftliche Partner zu empfehlen. Ob das ausreicht, um der Türkei zu frischem Kapital und wirtschaftlicher Stärke zu verhelfen, mag dahingestellt sein. Aber dass sich Erdogan von einer Wirtschaftskrise aus dem Amt jagen lässt, muss man nach allen bisherigen Erfahrungen anzweifeln. Eine Niederlage ist für Erdogan schlicht nicht akzeptabel.“

„Aftenposten“ (Oslo)

„Außenminister Mevlüt Cavusoglu schlägt mildere Töne an als Erdogan und fordert die USA auf, einer alten Freundschaft und gemeinsamen NATO-Mitgliedschaft gegenüber loyal zu sein. Es ist zu hoffen, dass diese Aufforderung Gehör findet. Ein Zusammenbruch der türkischen Währung wäre sehr problematisch für Europa. Und dann sind da noch die Konsequenzen einer stark geschwächten türkischen Lira im Laufe der Zeit. Wenn die Währung billig ist, sinken die Importpreise für türkische Waren. Das kann unmöglich sein, was der amerikanische Präsident Donald Trump will.“


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