Tatwaffe: Politische (In-)Korrektheit

Der Diskurs über politisch korrekte und inkorrekte Sprache ist ein verlässlicher Garant für Empörung. Die laut dem deutschen Journalisten Matthias Dell unnötig ist. Anstand wäre ihm lieber.

Beliebtes, ungleiches Tatort-Duo: Sollen Boernes Witze seine Unbehaglichkeit im Umgang mit Dr. Hallers Größe kaschieren?
© imago stock&people

Als Film-, TV- und Theaterkritiker erleben Sie die Rede von „politischer Korrektheit" als ständig wiederholtes Störgeräusch. Wie kommt's?

Matthias Dell: Die Figur der „politischen Korrektheit" gibt es seit fast 30 Jahren, sie kommt in regelmäßig erscheinenden Texten vor, die immer wieder das Gleiche sagen: Sie ist ein großes Problem, weil sie das Reden angeblich unmöglich macht, um sich dann mit Floskeln á la „das wird man wohl noch sagen dürfen" doch wieder „inkorrekt" zu äußern. In meinem normalen Sprachgebrauch verwende ich diese Unterteilung gar nicht. Sie ist keine Selbstbezeichnung eines Projekts von Leuten, die mit nicht beleidigendem Sprechen die Welt besser machen wollen, sondern von jenen, die diese Art von Kommunikation ablehnen. Doch warum wird unter dem Namen „politische Korrektheit" etwas diffamiert, das die meisten Menschen eigentlich befürworten? Warum soll man grundlos Leute beleidigen, die man nicht kennt, wenn man über sie spricht? So was gehört sich nicht. So einfach ist das. Der rhetorische Clou dieser Erfindung: „Politisch korrekt" klingt so furchtbar streberhaft, dass man es selber gar nicht sein will, selbst als Befürworter der Dinge, die darunter verstanden werden. „Politisch inkorrekt" wirkt hingegen rebellisch und märtyrerhaft, als wäre man der letzte Verteidiger freier Meinung. In Wirklichkeit ist es aber eine Mogelpackung für jene, die den Umgang mit Positionen ablehnen, die anders sind. Und das, obwohl das gesellschaftliche Bewusstsein doch weiter ist. Das ist wie bei den rechten Diskursen, wo Begriffe verschleiert werden, damit sie harmloser klingen.

Wie zum Beispiel?

Dell: Das Label „Neue Rechte" klingt viel besser und interessanter als „alte Nazis", obwohl die heute dieselben völkischen Gedanken propagieren wie damals. Oder „Ethnopluralismus" — hört sich vornehmer, friedlicher an als „Ausländer raus", meint aber das Gleiche. „Politische Korrektheit" ist eine Erfindung von heterosexuellen, weißen, alten, privilegierten Männern, die keine Lust haben, dass außer ihnen jemand mitreden darf. Mit diesem Tool werden Anliegen von Minderheiten abgewertet und gleichzeitig rassistische Ansichten bemäntelt.

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Dell: Weil sie zeigt, wie viel Macht Sprache hat. Wie durch Begriffe Realitäten geprägt werden. Würde man statt „politisch korrekt" „anständig" sagen, würde das mit der Abwertung nicht so leicht funktionieren. Interessant ist auch die selbstgebastelte Opferrolle: Mit Trump in den USA oder Schwarzblau in Österreich hat ja eigentlich das „Inkorrekte" gewonnen — es wird aber trotzdem weiter gejammert, wie übertrieben diese „Politische Korrektheit" angeblich ist. Da merkt man, was das für ein Quatsch ist.

Weil dadurch eine Pseudodebatte aufgebauscht wird, um Menschen von anderen Problemen abzulenken?

Dell: Ja, stark vereinfacht geht es dabei um Verlustängste und Projektionen. Die Modernisierungsbewegungen der 68er waren für die Konservativen eine Niederlage, die sie nicht verwunden haben. Durch die folgenden Kulturkämpfe sind seit den 1980er-Jahren Wertefragen plötzlich wichtiger als sozio-ökonomisch reale Lebensbedingungen für die Wahlentscheidung.

Wechseln wir in die TV-Welt: In zahlreichen Texten beschäftigen Sie sich mit dem Münsteraner Tatort. Inwieweit ist der „herrlich inkorrekte" Humor der Krimiserie problematisch?

Dell: Es gibt viele Formen von Humor und Witzen, die meistens auf Kosten anderer gehen. Interessant finde ich eine subversive Art von Humor, in der sich jemand Machtloses mit besserer Pointe über den Mächtigen stellt. Davon macht der Münsteraner Tatort aber kaum Gebrauch, hier herrscht eine fixe Ordnung: Prof. Boerne macht ständig Größenwitze über Dr. Haller, die vereinzelt dank origineller Variation vielleicht lustig sein können. Aber: Boerne kann frei entscheiden, ob er Schnösel sein will oder nicht, während Haller nichts für ihre Statur kann. Ihr permanent zu sagen: „Du bist nicht so wie wir", ist eigentlich kein guter Humor, denn sobald er an unveränderbare Tatsachen gebunden ist, stelle ich es mir schmerzhaft vor.

Schöner wird's aber, wenn sie mit einem flotten Spruch kontert ...

Dell: Natürlich, ich würde sie nicht zu jemanden machen wollen, der unbedingt geholfen werden muss, bloß ist die Konstellation irgendwie asymmetrisch, nicht gleichberechtigt. Der Tatort gibt Haller auch genügend Raum, um sie nicht vorzuführen. Die Frage ist nur, warum man sich seit 2002 (Anm. als der Münsteraner Tatort „Der dunkle Fleck" erstausgestrahlt wurde) immer noch an der Frage abarbeiten muss, dass jemand nicht einer Normgröße entspricht, was immer das sein soll. Mittlerweile verzichten die Autoren öfter darauf, daran merkt man, dass sich etwas ändert. Mit Abstand könnte man sagen: Hinter den Größenwitzen steckt ein schlechtes Gewissen, die Unfähigkeit, mit Hallers „Anderssein" umzugehen. Man sieht das „Fremde" und muss erst mal die ganzen Verschiedenheiten bemerken. Dabei wäre Empathie viel hilfreicher: Kein Mensch schaut morgens in den Spiegel und sieht jemanden, der anders ist als alle anderen, der sieht zuerst ein Ich, sich selbst. Das ist eigentlich auch nicht so schwer zu verstehen. Hinter der ganzen Korrektheitsdebatte steckt im Grunde eine Abwehrhaltung — sich nicht mit Sachen zu beschäftigen, die anders sind als wir.

Das Gespräch führte Marianna Kastlunger


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