Autorin Verena Roßbacher: Drittes Buch „immerhin ganz okay“ geworden

Wien (APA) - Ertappt! Ihr drittes Buch hatte Verena Roßbacher am Ende ihres zweiten angekündigt. Es sollte „Die Muskatellertraube“ heißen un...

Wien (APA) - Ertappt! Ihr drittes Buch hatte Verena Roßbacher am Ende ihres zweiten angekündigt. Es sollte „Die Muskatellertraube“ heißen und weniger als hundert Seiten umfassen. „Ich hatte auch wirklich angefangen, und schon die Hälfte fertig“, lacht die Autorin und verspricht: „Es wird sicher noch kommen!“ Am Donnerstag stellt sie ihren dritten Roman vor. „Ich war Diener im Hause Hobbs“ ist 384 Seiten lang.

Vier Jahre hat es gedauert, dass die in Berlin lebende Vorarlbergerin, deren Debüt „Verlangen nach Drachen“ 2009 sehr gut besprochen wurde, auf ihren Zweitling „Schwätzen und Schlachten“ (2014) nun das nächste Buch folgen lässt. Das habe einerseits private Gründe - die Geburt ihrer zweiten Tochter und der Tod ihres Vaters brachten andere Prioritäten als das Schreiben in ihr Leben -, andererseits habe sie keinen Druck gehabt. „Ich kann es mir leisten. Dafür bin ich wahnsinnig dankbar“, sagt Roßbacher im Interview mit der APA. Tatsächlich habe sie sich diesmal schwerer getan als mit den beiden Vorgängern, die von praller Fabulierlust und verschlungenen Handlungssträngen geprägt waren, gibt sie zu.

„Die beiden ersten Bücher waren viel experimenteller. Ich habe einfach ausprobiert, was möglich ist. Nun wollte ich einen klaren Spannungsbogen, einen erkennbaren Plot, mit dem ich im Idealfall ein atemloses Interesse beim Lesen wecke. Es geht immer mehr in Richtung des Erzählens. Schließlich bin ich ja als Leserin selbst eine totale Traditionalistin.“ Und doch habe es gehakt, habe sie bei weitem nicht mit so viel Spaß geschrieben und sei zwischendurch auch angestanden. Sie rühmt die professionelle Hilfe ihrer Lektorin, die den Schreibprozess wieder in Gang gebracht habe. „Ich selbst war lange überzeugt, dass es ein völlig missratenes Buch ist. Nun würde ich sagen, es ist immerhin ganz okay“, übt sich Roßbacher im Tiefstapeln.

„Ich war Diener im Hause Hobbs“ ist in Wahrheit natürlich schwer okay. Das liegt u.a. daran, dass die Autorin ihre Begabung zur liebevollen, detailreichen Beschreibung auf zwei sehr unterschiedliche Biotope angewandt hat, die sie aus eigener Erfahrung kennt. Dass sie über die von Hausangestellten bevölkerte Welt des Schweizer Großbürgertums so gut Bescheid weiß, überrascht ein wenig. „Ich habe während meines Studiums als Hausmädchen bei einer Familie in Zürich gearbeitet“, erzählt sie. „Das ist eine echte Parallelwelt.“ Die Welt des dezenten Reichtums sei voller Codes, die man erst durchschauen müsse. Ein wenig komme man sich dabei schon als Voyeur vor, doch vermutlich sei diese Neugier nur allzu menschlich: „Man guckt gerne zu, wie andere Leute leben.“

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Die Kleinstadtwelt, aus der Butler und Ich-Erzähler Christian Kauffmann kommt, korrespondiere dagegen stark mit ihren eigenen Erfahrungen als Jugendliche. Den Schauplatz verlegt sie jedoch ein wenig: Statt in Bludenz, wo sie 1979 geboren wurde, lässt sie die betreffenden Passagen ihres Buches im nahen Feldkirch spielen. „Es ist die Rekonstruktion einer verlorenen Kindheit. Während Feldkirch heute noch eine intakte Innenstadt hat, hat man in Bludenz eine völlig falsche Politik betrieben und ein Einkaufszentrum an den Stadtrand gebaut.“ Die Folge sei ein ausgestorbenes Stadtzentrum. „Für mich ist das wahnsinnig traurig.“

Neben vielen erfundenen Figuren, trifft man in ihrem Buch auch auf einen realen Kollegen aus der Literaturszene. Der Austro-Amerikaner John Wray bekommt als Freund des Protagonisten eine recht umfangreiche Rolle zugedacht. Sie sei mit ihm befreundet, erzählt Roßbacher lachend, und „er hat mir ganz gut ins Buch hineingepasst“. Natürlich habe sie ihn um Erlaubnis gefragt, und er habe sich in seinem unnachahmlichen Deutsch sehr „gekitzelt“ (für „geschmeichelt“) gezeigt. Wray hat im Vorjahr für seinen ersten auf Deutsch geschriebenen literarischen Text beim Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt den Deutschlandfunk-Preis erhalten. Roßmann hatte dort 2010 bei ihrem eigenen Antreten vorwiegend Juryschelte bezogen: „Ich habe ein Experiment gemacht, und es ist schief gegangen. Es war bedauerlich, damals schmerzhaft und im Nachhinein wurscht.“ Während sie Lesungen sehr gerne absolviere, auf über 100 habe sie es mit ihrem Erstling gebracht, wäre ein Literaturpreis dagegen eine ganz neue Erfahrung: „Ich habe noch nie einen Preis gewonnen.“

Bleibt noch eine Frage: Was ist „ein schlampiger Tag“, mit dem sie ihren Roman beginnen lässt, und wie oft erlebt sie einen? Solche Tage hätten viel mit melancholischen oder depressiven Stimmungen zu tun, und, danke der Nachfrage, sie selbst erlebe solche Tage „Gott sei Dank nicht mehr oft“. Unversehens wird das Gespräch sehr privat. Doch Roßbacher hat keine Scheu darüber zu sprechen. Eine Analyse nach Jacques Lacan habe ihr Leben „um 180 Grad gedreht“ und diesem „einen ungehören Qualitätsgewinn“ beschert. Deklariert therapeutische Zwecke verfolge sie mit ihrem Schreiben zwar nicht, dennoch mache sie dabei eine Wandlung durch, die sie als Autorin nun „weniger narzisstisch“ und mehr weltzugewandt zeige: „Ich erzähle etwas, das nicht mehr vorwiegend mit mir zu tun hat, sondern mehr mit der Welt um mich.“ Deshalb bekämpfe sie auch ihre „extreme Tendenz zum Happy End“: „Eine Figur, die ich gerne habe, sterben zu lassen, ist mir bisher sehr schwer gefallen. Aber vielleicht ist es das, was ich lernen muss.“ Leser von „Ich war Diener im Hause Hobbs“ dürfen feststellen: Verena Roßbacher hat ihre Lektion gelernt.

(Das Gespräch führte Wolfgang Huber-Lang/APA)

(S E R V I C E - Verena Roßbacher: „Ich war Diener im Hause Hobbs“. Kiepenheuer & Witsch, 384 Seiten, 22,70 Euro. Premierenlesung am 16. August, 20 Uhr, bei den O-Tönen, im Museumsquartier Hof 8. Moderation: Sebastian Fasthuber)


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