Frühe Pubertät wegen Schminke und Co?

Deutsche Organisationen fordern EU zu dringendem Handeln bei hormonell wirksamen Stoffen auf.

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Berlin –Die Pubertät verschiebt sich nach vorne. Bereits mit elf oder zwölf bekommen Mädchen die erste Regelblutung, Zehnjährigen wachsen die Brüste. Vor rund 110 Jahren setzte die Pubertät noch rund zwei bis drei Jahre später ein. Langzeituntersuchungen über die Ursachen fehlen bisher. Doch Josef Köhrle, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie, sieht als einen der Hauptgründe für die nach vorne verschobene Pubertät die Gewichtszunahme bei Kindern. Fetteinlagerungen führten zu früherer Reifung, darauf gebe es klare Hinweise aus Tierversuchen.

Hinzu komme die Belastung mit hormonaktiven Substanzen, so genannten endokrinen Disruptoren – bereits in der Schwangerschaft. „Dadurch werden mehr Fettzellen statt Muskel- und Knochenzellen gebildet, v. a. bei Mädchen.“

2013 untersuchte die Umweltorganisation BUND Kosmetika in Deutschland und fand in fast jedem dritten Produkt hormonell wirksames Bisphenol-A (BPA). Seit Dezember 2017 schätzt die EU diesen Stoff als besonders besorgniserregend ein, auch weil er fortpflanzungsschädigend sei. „Bisphenol-A ist jetzt das Aufregerwort, aber es gibt eine ganze Reihe von gefährlichen Substanzen, die einen giftigen Cocktail ausmachen können“, sagt Köhrle. Ob es jetzt die Butterdose ist, die Plastikfolie, in die das Essen eingewickelt ist, das Getränk, die Kleidung oder einfach die Luft, die Subs­tanzen finden sich überall“, sagt Köhrle. Auch in medizinischen Produkten gebe es diese Stoffe, zum Beispiel in weichen Kathetern oder Schläuchen.

70 Umwelt- und Verbraucherschutzorganisationen fordern von der EU-Kommission eine umfassende Strategie zum Umgang mit hormonell wirksamen Stoffen. Sie sehen dringenden Handlungsbedarf, weil die Chemikalien auch mit hormonbedingten Krebserkrankungen sowie Fortpflanzungs- und Fruchtbarkeitsstörungen in Verbindung gebracht werden.

Probleme in der Pubertät mit ihrem Körper haben wohl alle Kinder. Für die, bei denen es sehr früh oder sehr spät losgeht, ist die Belastung aber besonders groß. „Einige Studien zeigen, dass sowohl Früh- als auch Spätentwickler durchschnittlich ein erhöhtes Risiko für verschiedene soziale und emotionale Anpassungsstörungen haben“, sagt Entwicklungspsychologin Michaela Riediger von der Uni Jena. „Besonders gut belegt ist ein erhöhtes Depressionsrisiko bei vergleichsweise früh pubertierenden Mädchen.“ (dpa)


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