Spanischer Ort bemüht sich ein Jahr nach dem Terror um Normalität

Ripoll/Barcelona (APA/AFP) - Die Erinnerungen an die schrecklichen Ereignisse haben sich tief eingegraben in Ripoll. Aus der Kleinstadt in d...

Ripoll/Barcelona (APA/AFP) - Die Erinnerungen an die schrecklichen Ereignisse haben sich tief eingegraben in Ripoll. Aus der Kleinstadt in den spanischen Pyrenäen stammten die meisten der Attentäter, die im August 2017 in Barcelona und Cambrils mit Fahrzeugen in Menschengruppen rasten und dabei 15 Menschen töteten.

„Wir versuchen, ein normales Leben zu führen, aber das ist schwer“, sagt der 58-jährige Einwohner Juani Pujol aus Ripoll. „Solche Dinge lassen einen nicht unberührt. Man wird rassistischer und misstrauischer.“

Bis zu dem Doppelanschlag war der Ort allenfalls für sein Benediktiner-Kloster bekannt. Dann geriet er ins Zentrum der Weltöffentlichkeit, weil der radikale Imam Abdelbaki Es Satty hier eine Terrorzelle um sich scharte und Anschläge plante. In dem 10.000-Einwohner-Städtchen kannten viele die Attentäter persönlich.

Für Bürgermeister Jordi Munell waren die Anschläge ein Weckruf. Etwa jeder zehnte Einwohner sei ein Zuwanderer, und es sei klar geworden, dass „einige von ihnen sich nicht als Mitglieder dieser Gesellschaft fühlen“, sagte Munell. „Um dieses Zugehörigkeitsgefühl wollen wir uns kümmern.“

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Die Stadt hat einen Aktionsplan gegen Fremdenfeindlichkeit ausgearbeitet. Sie ermutigt die Zuwanderer nun aktiv zur Mitwirkung an Gemeinschaftsaktivitäten, so dass sie sich hier heimischer fühlen können.

Die Polizei hat die Hintergründe der jungen Täter inzwischen gut ausgeleuchtet. Nach außen hin waren die Männer, die zumeist marokkanische Wurzeln hatten, gut integriert: Sie waren in Sportvereinen, sprachen gut Katalanisch und hatten nicht-muslimische Freunde.

Die Integration in die Gesellschaft sei bei solchen Tätern aber oft kein ausschlaggebender Faktor, sagt Albert Oliva, der Sprecher der Regionalpolizei. „Wir gehen heute nicht mehr so sehr der Frage nach, ob jemand in die Gesellschaft integriert ist, sondern eher, ob er sich zur Gesellschaft zugehörig fühlt.“ Viele Migranten der zweiten Generation fühlten sich heimatlos, und dies nutzten die Anwerber aus.

Acht der Täter sind tot. Zwei von ihnen starben bei einer versehentlichen Sprengstoffexplosion bei der Anschlagsvorbereitung, sechs weitere wurden nach den Fahrzeugattacken von der Polizei erschossen. Drei Verdächtige warten im Gefängnis auf ihren Prozess.

Weiterhin unklar ist, ob sie von außen gesteuert wurden - also etwa durch direkte Befehle der Jihadistenmiliz IS. Dafür hat die Polizei nach eigenen Angaben bisher keine Belege. Vielleicht ließ sich die Zelle auch nur vom IS inspirieren und handelte auf eigene Faust.

Als Kopf der Gruppe wurde der radikale Imam Es Satty identifiziert - ein verurteilter Drogenhändler, der in einer Moschee in Ripoll predigte und seine Anhänger zu einem richtig großen Sprengstoffanschlag bringen wollte. Die Gruppe hatte dafür bereits beliebte Urlauberziele in Barcelona im Visier.

Dann explodierte allerdings am 16. August der Sprengstoff im Unterschlupf der Gruppe, Es Satty wurde getötet, und die Überlebenden entschlossen sich spontan zu den Fahrzeuganschlägen am 17. und 18. August.

„Es Satty hat sie einer Gehirnwäsche unterzogen“, ist sich der marokkanische Einwanderer Mohamed sicher, der gerade vor einem Migranten-Treffpunkt, der Esperanza-Bar, eine Zigarette raucht. Er selbst habe nach den Anschlägen ein deutlich verschlechtertes Klima wahrgenommen: „Es gibt Leute, die haben mich früher gegrüßt und schauen mich heute schief an“, erzählt Mohamed. „Jeder weiß, dass ich nichts damit zu tun habe, aber ich bin Marokkaner und aus Ripoll, und das macht mich verdächtig.“


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