Salzburger Festspiele - Unruhig Blut: „Der Prozess“ als Panikmache

Salzburg (APA) - Eine Oper als gezielte Panikmache: Gottfried von Einems Kafka-Vertonung „Der Prozess“ ist gestern, Dienstag, Abend für eine...

Salzburg (APA) - Eine Oper als gezielte Panikmache: Gottfried von Einems Kafka-Vertonung „Der Prozess“ ist gestern, Dienstag, Abend für eine einmalige konzertante Aufführung nach genau 65 Jahren an ihren Uraufführungsort zurückgekehrt. Unter der Leitung von HK Gruber standen die Zeichen in der Felsenreitschule höchst kunstfertig auf Unruhig Blut.

Gottfried von Einem, einst streitbarer Innovator im Salzburger Festspieldirektorium, hätte heuer im Frühjahr seinen 100. Geburtstag gefeiert. An der Staatsoper brachte man aus diesem Anlass „Dantons Tod“, im Theater an der Wien „Der Besuch der Alten Dame“ heraus. „Der Prozess“ ist das dritte unter den erfolgreichsten musikdramatischen Werken des 1996 gestorbenen österreichischen Komponisten. Ebenso wie in der „Alten Dame“ erweist sich von Einem darin als Meister des Suspense und betreibt mit seinem Antihelden eine ausgeklügelte, rhythmisch zwingend umgesetzte Hetzjagd.

In diesem Fall ist es der Prokurist Josef K., der sich plötzlich in den Mühlen eines Gerichtsprozesses wiederfindet und vom Orchester - das gleichsam den Prozess als solchen verkörpert - gnadenlos vor sich hergetrieben wird. Michael Laurenz singt die Partie mit ihren halsbrecherischen Fluchten über verwinkelte tonale Stege souverän und lebendig. Ihm zur Seite steht ein tolles Ensemble: Ilse Eerens gibt die Fräuleinrollen, die in jedem der neun Bilder als mitverschworene Fluchtpunkte auftreten, Jochen Schmeckenbecher, Mattäus Schmidlechner, Lars Woldt und Johannes Kammler sind die Diener des Gerichts in der einen oder anderen Form, jene Phalanx von Bucklern und Bürokraten, bei denen endlose Verfahrensverschleppung das beste Angebot an den Angeklagten ist.

Im August 1953 wurde „Der Prozess“ in Salzburg uraufgeführt - nicht zuletzt als Versöhnungsangebot an den Komponisten, der während der Entstehungszeit des Werks aufgrund des Skandals um die Einbürgerung Bertold Brechts aus dem Festspieldirektorium ausgeschlossen worden war. Wurde von Einem bis zu seinem Tod noch regelmäßig in Salzburg gespielt, ereilte ihn danach das Schicksal vieler in die Jahre gekommener Gegenwartskünstler: Nicht mehr Avantgarde, aber auch nicht historisch genug für einen Platz im Kanon, bringen sie Hörer und Kuratoren in dramaturgische Verlegenheit, die Zeitgenossenschaft wird abgesprochen, die Überzeitlichkeit noch nicht anerkannt.

65 Jahre später ist die Begegnung mit dem Werk frei vom Dünkel der atonalen Neuen Musik, der Von Einems Werk lange einen anachronistischen Beigeschmack verliehen hat, und lässt die Oper vor allem als eindrucksvolles Zeugnis des musikdramatischen Genius des damals 35-Jährigen zur Geltung kommen. HK Gruber, selbst Schüler und langjähriger Freund von Einems, bewunderte das Stück seit Studientagen - und ist nun am Pult des ORF Radio Symphonieorchesters ganz in seinem Element: Das unwägbare Wechselspiel aus blankem Zynismus, in Spaßigkeit und Süße nur lose gehüllt, und dem Hereinbrechen eines unsagbaren Grauens wie aus dem musikalischen Hinterhalt, die Textgenauigkeit, die Kafka in jedem Atemzug zu Wort kommen lässt, die tonalen Metaebenen, die erzählerisch präzisen, ja strengen Tempi - sie alle erzeugen einen fantastischen Sog.

Und so ist es logisch, dass Gruber am Ende dieser nur einmal angesetzten konzertanten Aufführung nicht nur sich und sein Ensemble feiern lässt, sondern schließlich die Partitur mit ausgestreckten Händen dem großen Applaus entgegenstreckt - und gar an die Lippen führt. Der langen, intensiven, wechselvollen Geschichte zwischen Gottfried von Einem und den Salzburger Festspielen wurde gestern ein freundlicher Appendix hinzugefügt.

(S E R V I C E - www.salzburgerfestspiele.at)


Kommentieren