Früher „Thaurer“ starb eines gewaltsamen Todes

Die Analyse eines Skeletts, das unweit vom Romedikirchl entdeckt wurde, bringt spektakuläre Erkenntnisse – und Hinweise zur Siedlungsgeschichte.

© Verein Chronos Thaur

Von Michael Domanig

Thaur –Im heurigen Frühjahr legte ein Bagger bei Grabungsarbeiten zwischen dem Romedikirchl und dem neuen Gasthaus Romediwirt in Thaur menschliche Knochen frei. Nun gibt es spektakuläre neue Erkenntnisse zu diesem Skelettfund, wie Joe Bertsch, Obmann des Dorfgeschichtsvereins Chronos Thaur, zu berichten weiß. Gemeinsam mit Vereinsmitglied Franz Brunner hatte er den Fund damals fachmännisch dokumentiert und für die weitere Vorgangsweise sofort das Denkmalamt kontaktiert.

Nach einer C14-Untersuchung, die von Spezialisten in Miami durchgeführt wurde, steht nun fest, dass der historische „Thaurer“ – es handelte sich um einen Mann – im Frühmittelalter, etwa um 700 n. Chr., gelebt hat. Zudem übergab Bertsch die Knochen in Wien der Anthropologin Marlies Steinhauser zur Analyse. Ihr detaillierter, erstaunlich aufschlussreicher Befund weist darauf hin, dass der Mann ein für damalige Verhältnisse langes, aber sicher von starken Schmerzen geprägtes Leben geführt hat. So wurde bei dem Mann, der laut Expertin bis zu 60 Jahre alt geworden sein dürfte, starke Arthrose an praktisch allen Gelenken festgestellt. Besonders auffällig ist zudem eine extreme Nekrose im Hüftgelenk – also das Absterben und die Neubildung von Knochen –, verursacht wohl durch einen stumpfen Schlag. Vermutlich konnte sich der Mann daher nur humpelnd und mittels krückenähnlicher Gehhilfen fortbewegen, wovon auch ausgeprägte Abnützungserscheinungen am Bewegungsapparat zeugen. Weitere Vernarbungen an Knochen deuten ebenfalls auf stumpfe Schläge hin. Auch eine gravierende Lungenentzündung (die sich an den Rippen abzeichnete) und eine Art Zyste im Kiefer hat der zähe „Thaurer“ offenbar überlebt.

Sein Tod im stolzen Alter von rund 60 Jahren erfolgte dann eindeutig gewaltsam: Eine massive Hieb-Schnittwunde in der Stirn stammt laut Expertin von einer sehr scharfen, dünnen Klinge, wobei „mit erheblicher Wucht zugeschlagen worden sein muss“. Mord oder Totschlag liegt also nahe.

Mindestens genauso spannend war für Bertsch & Co. der Fundort: Begraben war das – auf ca. 668–778 n. Chr. datierte – Skelett direkt neben einer soliden Mauer, von der ebenfalls ein Stück freigelegt wurde. „Das ist, neben vielen anderen, ein weiterer Puzzlestein für unsere These, dass es am Thaurer Schlossbichl schon in der Spätantike – und damit lange vor der spätmittelalterlichen Burg – eine größere, länger bestehende Höhensiedlung gab“, sagt Bertsch. Allerdings gebe es aus dieser Zeit keinerlei Schriftquellen, was eine nähere Einordnung natürlich schwierig mache.

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Die Spekulationen gehen noch weiter: Handelt es sich bei der vermuteten Anlage gar um jene „Burg“, die der „Thaurer Grafensohn Romedius“ gemäß einer bekannten Legende dem Bischof von Trient vermacht haben soll? Die Frage, ob der heilige Romedius – nach dem das Romedikirchl benannt ist – eine historische Figur war oder nicht, sei offen, meint Bertsch. Zur möglichen Klärung dieser und weiterer Annahmen wird es jedenfalls noch weitere archäologische Grabungen brauchen.

Übrigens: Der neue Ausstellungsraum namens „rundumthaur“ im Obergeschoß des Romediwirts ist ab 7. September für interessierte Besucher geöffnet (täglich außer Montag von 10 bis 18 Uhr). Er bietet viel Wissenswertes zur langen Siedlungsgeschichte von Thaur sowie zu den Eulen im Naturpark Karwendel.


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