Kartitscher Chronik wird digital

Eine EU-Förderung finanziert bis Juni 2019 die Digitalisierung der gut einhundert Jahre zurückreichenden Ortschronik von Kartitsch. Anton Tassenbacher hat diese Aufgabe für die Gemeinde übernommen.

Anton Tassenbacher sichtet die dicken Ordner Seite für Seite.
© Blassnig Christoph

Von Christoph Blassnig

Kartitsch –Es sind Dutzende prall gefüllte Ordner, die in der kleinen Bibliothek im Gemeindehaus von Kartitsch gelagert werden. Die darin gesammelten Fotos, Zeitungsausschnitte, Berichte und Dokumente sind öffentlich einsehbar. Allerdings nur für zwei Stunden pro Woche. Und viele Kartitscher dürften gar nicht wissen, was dort für Schätze aus der Vergangenheit zu finden sind, vermutet Anton Tassenbacher. Er hat die Digitalisierung der gut einhundert Jahre zurückreichenden Ortschronik von Kartitsch übernommen.

Persönliches Interesse für die Thematik bringt Tassenbacher mit. So hat er in Innsbruck Germanistik und Geschichte studiert.

Zu verdanken ist ein großer Teil der Chronik der in Kartitsch legendären Lehrerpersönlichkeit Philomena Draschl. Im letzten Jahr des Zweiten Weltkriegs hat Draschl die Schule in Kartitsch mit Hermann Lergetporer und Leopoldine Fuch wieder aufgebaut. „Sie war für ihre Strenge und ihr Wissen gleichermaßen bekannt“, erinnert sich Tassenbacher. Mit einem Tonbandgerät habe Draschl sogar Feiertagspredigten aufgenommen und anschließend Wort für Wort niedergeschrieben. Seit gut zwanzig Jahren führt Hilda Außerlechner die Ortschronik in Kartitsch.

Tassenbacher scannt jedes einzelne Blatt mit einem eigens angeschafften Gerät.
© Blassnig Christoph

Die ältesten Aufzeichnungen, die in der Gemeinde Kartitsch in Büroordnern archiviert sind, reichen bis ins Jahr 1911 zurück, weiß Tassenbacher. Seine Aufgabe besteht im Sichten sämtlicher Seiten, dem Scannen über ein eigens angeschafftes Gerät und anschließend im Einpflegen der digitalen Kopien in eine von ihm angelegte Ordnerstruktur am Computer.

„Sich eine solche zu überlegen, ist gar nicht so einfach“, berichtet der Archivar. Er habe im Juni die Arbeit aufgenommen. Den ersten Abschnitt einer vierteiligen Fortbildungsserie des Tiroler Landesarchivs hat Tassenbacher im Juli besucht. Dabei ging es um Grundlagen und die Feststellung, mit welchen Programmen die einzelnen Teilnehmer überhaupt arbeiten. „Darauf bauen die Vortragenden dann auf und geben uns nötiges Wissen und Werkzeuge mit auf den Weg.“

Tassenbacher hat pragmatisch begonnen und zuerst jene Dokumente aus dem Jahr 2017 eingepflegt, die eindeutig einer Kategorie zuzuordnen sind: Tourismus, Kirche, Gemeindeverwaltung, Gemeindepolitik, Erwerbsleben, Bevölkerung, Alltagskultur und Vereinswesen.

„Diese Kategorien plane ich auch für die früheren Jahre zu nutzen“, sagt er, als er Nachschub aus der Bibliothek holt. Am Sitzungstisch schlägt er den dicken Ordner auf und holt eine Seite heraus. Das Schriftstück legt er auf den Dokumentenscanner. Der schickt eine Kopie der aufgelegten Seite in einem digitalen Format direkt an den Computer. Dort ist es an Tassenbacher, das nun in digitaler Form vorhandene Schriftstück seinen Ordnerstrukturen gerecht zuzuweisen.

„Es braucht eine Art Inhaltsverzeichnis, damit man die Informationen schnell wiederfindet“, begründet der Archivar. Unschlagbar für spätere Recherchen sei die digitale Form dank der Suchfunktion, wie Tassenbacher demonstriert. Er gibt das Wort „Dialekt“ zur Suche ein und bekommt in Sekunden sämtliche Dokumentenseiten aufgelistet, auf denen dieses Wort vorkommt. „Selbst wenn ein Mensch alle Informationen in unseren Büroordnern auswendig wüsste, würde es lange dauern, bis wirklich jedes einzelne Blatt auf das Wort hin untersucht ist.“ Für am Computer erstellte Dokumente ist eine Suchfunktion eine Selbstverständlichkeit. Für die digitalen Kopien, die eigentlich nur Photographien der Originale aus Papier sind, benötigt es Hilfsprogramme, die „lesen“ können: OCR, englisch für Optical Character Recognition, steht für Optische Zeichenerkennung und vermag das zu leisten. Voraussetzung ist allerdings eine Druckschrift, handschriftliche Aufzeichnungen werden nicht unterstützt. „Und selbst da kommt es zu Fehl-Erkennungen, auch wenn die Programme schon sehr gut ausgereift sind“, spricht der Fachmann aus seiner Erfahrung.

Tassenbacher pflegt die digitalen Kopien der Originale aus Papier schließlich in eine Ordnerstruktur am Computer ein.
© Blassnig Christoph

Es bleibt also eine eintönige und zeitraubende Aufgabe, die Kartitscher Ortschronik vollständig in ein digitales Format zu bringen.

Wenn Anton Tassenbacher die Aufarbeitung einmal erledigt haben wird, gilt es dann, die Chronik aktuell weiterzuführen. Die Gemeinde möchte Auszüge aus ihrer Geschichte auch auf der Homepage zugänglich machen. „Als besondere Dienstleistung könnten wir uns sogar einen E-Mail-Service vorstellen“, berichtet der Archivar. Anfragen zu einem bestimmten Thema könnten über das Internet kommen und per E-Mail mit den digitalen Archivauszügen beantwortet werden. „Das ist aber noch Zukunftsmusik“, meint Anton Tassenbacher lächelnd.

Ein eigenes Kapitel wird das Fotoarchiv. „Und wenn noch Zeit bleibt, könnte die Übertragung der in altdeutscher Schrift vorliegenden umfangreichen Pfarrchronik in unsere heutige Schrift zu einer noch größeren Aufgabe für mich werden.“


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