Wenn Nachwuchs zum Problem wird

Mit einer Kastrationsoffensive will der Tierschutzverein für Tirol der unkontrollierten Vermehrung wild lebender Katzen vorbeugen. Krankheiten sollen damit eingedämmt werden – eine aufwändige Aktion.

Bis eine Katze in die Lebendfalle tappt, kann es schon mal einige Stunden dauern. So lange harrt Michaela Hatzi in Sichtweite aus.
© Jasmine Hrdina

Von Jasmine Hrdina

Wörgl – „Nicht berühren, Krankheit“, warnt ein große­s Schild auf dem feinmaschigen Drahtgitter, das den Blick in eines der Katzenzimmer im Wörgler Tierheim gewährt. Zwei tattrige Jungtier­e hauchen dort ein kraftloses „Mia­u“, ihre Augen sind verklebt, kahle Stellen im Fell geben wunde Hautpartien preis. Vor wenigen Wochen erst erblickten sie auf einem Bauernhof das Licht der Welt, schon stehen sie dem Tod nahe – und sind damit nicht allein. „Wild lebende Katzen leiden oft unter Mangelernährung oder sind verletzt. Seuchen und Krankheiten breiten sich außerdem schnell aus“, weiß Tierheimmitarbeiterin Michael­a Hatzi. Katzenschnupfen, Parasiten, aber auch tödliche Viren machen dann auch vor Haustieren nicht Halt.

Erwachsene Tiere werden nach der Kastration wieder freigelassen.
© Tierschutzverein für Tirol 1881

Die beiden kranken Miezen dürfte es eigentlich gar nicht geben: Seit April 2016 greift die gesetzliche Kastrationspflicht für Katzen nämlich auch bei Tieren, die auf Bauernhöfen leben. „Es gibt sehr viele vorbildliche Landwirte in der Umgebung“, schickt Hatzi voraus. Dennoch beiße man sich an vielen immer noch die Zähne aus. „Es ist gar nicht meine Katze“, bekommen die Mitarbeiter des Tierschutzvereins für Tirol 1881 zu hören. „Viele schenken dem Gerücht Glauben, kastrierte Katzen würden faul und fingen keine Mäuse mehr. Andere haben Angst, dass Katzen aussterben, wenn sie ihre Tiere kastrieren lassen. Aber das ist Blödsinn“, so Hatzi. Immer wieder müsse sie zu Tierhaltern – auch abseits von Landwirtschaften – ausrücken, weil diese trotz Strafbarkeit damit drohen, die ungewollten Jungtiere zu töten. 500 Babykatzen wurden im vergangenen Jahr in den Tiroler Tierheimen versorgt, allein in Wörgl befinden sich aktuell 30 Jungtiere. „Es gibt einfach zu viele verwahrloste Katzen“, ist Hatzi überzeugt.

In einer rigorosen Kastrationsoffensive kämpft der Tierschutzverein seit Jahren gegen das Problem. Mit 43 Lebendfallen rücken die Vereinsmitarbeiter regelmäßig im ganzen Land aus, um Streuner einzufangen, zu kastriere­n und dann wieder in ihr gewohntes Umfeld zurückzubringen. „Wildkatzen kannst du nicht in ein Zimmer einsperren“, erklärt die Tierpflegerin und holt eine Box aus Holz und Maschendraht hervor. „Die Leute, die uns über Streuner informieren, füttern die Tiere oft und wissen daher, wann sie in etwa in der Gegend sind.“ Zu dieser Zeit stelle sie die Lebendfalle mit dem Köder auf, dann heißt es geduldig sein. Schleicht sich die Katze in die Box und tritt auf das mit Futter belegte Brett, fällt die Tür zu und das Tier ist gefangen.

Wildkatzen randalieren in der Box und lassen sich im Gegensatz zu den Stubentigern nicht anfassen, berichtet die erfahrene „Katzenfängerin“. So könne sie unterscheiden, ob es sich tatsächlich um ein verwahrlostes Tier oder lediglich einen struppigen Freigänger mit festem Wohnsitz handle. Hatzi wartet dabei in unmittelbarer Nähe im Auto, damit die Katze nicht zu lange in der Box ausharren muss. Schnappt die Falle zu, geht es direkt zum Tierarzt, der die Kastration vornimmt.

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Jungtiere hingegen kann man mit viel Geduld noch an den Menschen gewöhnen und vermitteln. Nicht selten sind diese aber bereits krank und überleben nur wenige Wochen.
© Tierschutzverein für Tirol 1881

200 streunende Samtpfoten wurden allein im ersten Halbjahr 2018 in Tirol auf diese Weise zeugungsunfähig gemacht. Die Kosten liegen – je nach Geschlecht und Tierarzt – zwischen 60 und 120 Euro pro Tier. In den meisten Fällen trägt sie der Verein, einige Ärzte arbeiten außerdem pro bono. Auf freiwillige Spenden sind die Tierschützer ohnedies angewiesen, auch über tatkräftige Unterstützung freue man sich – die Boxen könne man sich ausleihen.

„Wir hatten schon Fälle, da dachten die Anwohner, es sei unmöglich, die Vermehrung zu stoppen und die Wildtiere einzufangen. Als es uns dann geglückt ist, hatten sie Tränen in den Augen“, berichtet Hatzi, die selbst etwa zweimal pro Woche ausrückt. Sie ist sich sicher: Die Mühen sind es wert, um Katzen jenes Elend – das auch die beiden kranken Jungtiere im Heim erfahren müssen – zu ersparen.


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