Bregenzer Festspiele: Erfolg für Opern-Uraufführung „Das Jagdgewehr“

Bregenz (APA) - Gewagt und gewonnen. Als letzte Premiere hatten die Bregenzer Festspiele am Mittwoch auf der Werkstattbühne eine Uraufführun...

Bregenz (APA) - Gewagt und gewonnen. Als letzte Premiere hatten die Bregenzer Festspiele am Mittwoch auf der Werkstattbühne eine Uraufführung angesetzt. Thomas Larchers Oper „Das Jagdgewehr“ wurde in der zurückhaltenden Regie von Karl Markovics und unter der umsichtigen musikalischen Leitung von Michael Boder ein akklamierter Erfolg. Eine Liebestragödie voller Geheimnisse, doch mit kräftig zupackender Musik.

Der 54-jährige Innsbrucker Komponist hatte sich die 1949 erschienene Briefnovelle „Das Jagdgewehr“ des japanischen Dichters Yasushi Inoue (1907-1991) als Stoff seiner ersten Oper auserkoren. Die Autorin Friederike Gösweiner, 2016 für ihren Roman „Traurige Freiheit“ mit dem Debütpreis ausgezeichnet, hat daraus ein Libretto destilliert, das die im Original strikt getrennten Ebenen der sich einem Dichter durch Briefe enthüllenden Dreiecksgeschichte etwas ineinander verschränkt, ohne dem Sujet ganz die Fremdheit zu nehmen. Der vom Dichter zufällig beobachtete Jäger, seine Frau, seine Geliebte und deren Tochter treffen gelegentlich aufeinander, ohne wirkliche Duette miteinander zu haben. Es ist nicht die Konfrontation, sondern die innere Emotion, die die Figuren zerreißt.

Karl Markovics, der bei seiner ersten Opernregie große Sensibilität bewies, stellt einige in den Briefen des Romans erwähnte Szenen unaufdringlich nach. Das führt mitunter zu signalhaften Effekten: Ein Papierschiff geht in Flammen auf, Laub rieselt von der Decke. Ansonsten führt er die fünf Figuren in aller Ruhe und Schicksalshaftigkeit auf einer Bühne zueinander, die Ausstatterin Katharina Wöppermann zu einem Rätselbild gestaltet hat.

In Schlichtheit und Materialwahl zitiert sie den japanischen Ursprung der Geschichte. Ein weißer kastenartiger Rahmen ist eine Art Bühnenportal. Durch dieses führt ein zunächst als Stiege ausgeführter, danach in einen Steg mündender und mit Ausfransungen an eine Eisnadel erinnernder weißer Papierweg himmelwärts. Dort ist ein Objekt positioniert, das großes Papierknäuel, Schneeball oder Felsbrocken gleichermaßen sein könnte. Zum speziellen Zauber der Aufführung tragen das Licht (Bernd Purkrabek) wie die winterlichen Video-Aufnahmen von Regisseur Markovics gleichermaßen bei. Das Liebesleid bekommt die denkbar ästhetischste Verpackung.

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Dabei geht es aber keineswegs verstiegen oder abgehoben zu. Die Musik von Thomas Larcher lässt sich keine Gelegenheit entgehen, die hohen Emotionen in entsprechende Klangbilder umzusetzen. Was sich in dem rechts neben der Bühne sehr präsenten Orchester abspielt, ist oftmals deutlich spektakulärer als die sparsamen Bewegungen, die auf der Bühne ablaufen. Asiatische Zurückhaltung und Tiroler Direktheit ergibt einen reizvollen Kontrast. In seine hoch differenzierten Orchesterklänge hat Larcher einen siebenköpfigen Chor eingebaut, der hinter dem Ensemble Modern postiert ist - eine etwas unglückliche Positionierung, denn die Schola Heidelberg, die auch als Rhythmusgruppe agiert, ist in ihren Feinheiten nicht immer wahrnehmbar. Ansonsten ist die Steuerung des Raumklangs fast tadellos, wenngleich nicht unheikel: Die Solisten agieren mit Mikroports.

Die drei Frauen, die in an den geheimnisvollen Jäger gerichteten Briefen die Tragödie enthüllen, werden von Larcher häufig in ins Schrille gehende Höhenlagen gejagt. Die französische Sopranistin Sarah Aristidou?, als Nichte Shoko fassungsloses Opfer der heimlichen Liebe zwischen ihrer Mutter und ihrem Onkel, bewältigt ihren schwierigen Part souverän. Auch die italienische Sopranistin Giulia Peri? als betrogene Ehefrau und der niederländische Mezzo Olivia Vermeulen ?stehen ihr kaum nach. In einer vereisten, weiß-grauen Welt sind die Frauen mit ihren Kostümen Farbtupfen in Orange, Blau und Gelb. Die Männer zeigen gravitätische Zurückhaltung. „Lass uns Verbrecher sein!“ ist zu Beginn der Affäre der größte Ausbruch, den sich der Südtiroler Bariton André Schuen?als Jäger leisten darf. Und doch geht das Geschehen auch ihnen nahe. Am Ende tritt der irische Tenor Robin Tritschler als Dichter ganz nahe vor das Publikum und singt: „Was ist diese Qual, die jeder in sich trägt?“

Viel Applaus für alle Mitwirkenden, das Regieteam, den Komponisten und seine Librettistin. Die Bregenzer Festspiele werden am Freitag positiv bilanzieren. Sie haben, nicht nur wegen bisher einer einzigen Regenabsage, ihre Schäfchen ins Trockene gebracht.

(S E R V I C E - „Das Jagdgewehr“, Oper in drei Akten von Thomas Larcher, Libretto von Friederike Gösweiner nach „Das Jagdgewehr“ von Yasushi Inoue (1949) in der Übersetzung von Oscar Benl. Inszenierung: Karl Markovics?, Musikalische Leitung: Michael Boder?, Bühne und Kostüme: Katharina Wöppermann?. Ensemble Modern, Schola Heidelberg. Mit Robin Tritschler ?- Dichter, Andre Schuen? - Josuke Misugi, Sarah Aristidou? - Shoko, Giulia Peri? - Midori, Olivia Vermeulen ?- Saiko, Uraufführung des Auftragswerks der Bregenzer Festspiele auf der Werkstattbühne in Bregenz. Weitere Aufführungen: 17. und 18. August. Karten: 05574 / 407 6, www.bregenzerfestspiele.com)

(B I L D A V I S O – Pressebilder stehen unter http://pressefoyer.at/de/fotos-das-jagdgewehr_20180813 zum Download bereit.)


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