Salzburger Festspiele - Currentzis kokettiert mit dem Götterfunken

Salzburg (APA) - Anfangs ist es kaum wahrnehmbar, das Freudenthema. Mehr als nur leise stimmen es die Celli und Bässe an - fast stumm. Auch ...

Salzburg (APA) - Anfangs ist es kaum wahrnehmbar, das Freudenthema. Mehr als nur leise stimmen es die Celli und Bässe an - fast stumm. Auch als die Geigen die Melodie aufgreifen, kommt zunächst Understatement. Teodor Currentzis hat seinen Salzburger Beethoven-Zyklus gestern, Mittwoch, mit der Neunten begonnen. Und als die Götterfunken sich endlich Bahn brechen, ist klar: Selbst diese Klänge kann man neu hören.

Manche haben Currentzis Populismus vorgeworfen, als er bei seinem umjubelten Festspieldebüt im Vorjahr Mozarts nicht ganz so hitverdächtige „Clemenza di Tito“ um bekannte Chorpassagen aus der c-moll-Messe anreicherte. Jetzt könnten sie sich bestätigt fühlen: Wer beginnt schon einen Beethoven-Zyklus mit der letzten Symphonie, mit der Europahymne, mit der Ikone, zu der andere sich erst mühsam hinarbeiten? Currentzis natürlich, nicht nur, weil der russisch-griechische Ausnahmedirigent sich gern mit starken Eröffnungsstatements umgibt. Viele lesen gern die letzte Seite, ehe sie ein Buch beginnen - und das Ende des Beethoven‘schen Schaffens ist uns in der Rückschau immerhin zeitlich am nächsten.

Vor allem aber bietet die große, mit Rezeptionsgeschichte dick bestrichene Neunte Gelegenheit zum Andersmachen. Wie, das mag auch Currentzis-Fans überrascht haben: Der Dirigent, bei dem es immer um alles und das Letzte geht, gibt sich lieber kokett als pathetisch, sucht inmitten des vergrößerten musicAeterna-Orchesters samt ebenfalls groß besetztem Chor nicht nach Dramatik, sondern nach Kammermusik, nicht nach altmeisterlicher Metaphysik der Schiller‘schen Freude, sondern nach der beschwipsten Lebensweisheit einer durchzechten Nacht. Was im Kopfsatz als ungeduldiges, klanglich mitunter sprödes Vorwärtsdrängen beginnt, entwickelt im Lauf des zweiten Satzes eine erstaunlich luzide Dynamik mit dem Charakter einer detailverliebten Skizze statt eines Opus Magnum.

Freilich geizen Currentzis und seine im Stehen musizierenden und damit im wörtlichen wie übertragenen Sinn jede Form von Gesetztheit strikt verweigernden Instrumentalisten nicht mit Effekten. Das leise, leise Anheben des Freudenthemas. Bläser, trunken von Rubato wie eine Klezmerband. Die überragende Qualität des Chores, derzeit unerreicht. Das flinke einander zuspielen der Phrasen wie Bälle beim ausgelassenen Mannschaftssport. Auf leichten Füßen, aber mit schwerem Gemüt - bis dann doch, fast nebenbei, die große Freude, die Brüderlichkeit, der Kuss für die ganze Welt kommt.

Am Freitag (17.) geht es mit den Symphonien eins und drei weiter, am Sonntag (19.) mit zwei und fünf, in einer Woche (22.) mit sechs („Pastorale“) und vier. Den Schlusspunkt bilden achte und siebente Symphonie am 23. August. Alle weiteren Konzerte finden nach dem Auftakt in der Felsenreitschule allerdings im Mozarteum statt - und sind sämtlich schon lange ausverkauft. Der Anfang ist also gemacht: Standing Ovations für Dirigent, musicAeterna und das Solistenquartett Janai Brugger, Elisabeth Kulman, Sebastian Kohlhepp und Michael Nagy. Küsse und Umarmungen. Götterfunken überall.

(S E R V I C E - www.salzburgerfestspiele.at)


Kommentieren