Existenzbedingung Einsamkeit

Thomas Larchers kunstvolles, emotional eindringliches Operndebüt „Das Jagdgewehr“ bei den Bregenzer Festspielen uraufgeführt - Dirigent Michael Boder, Regie Karl Markovics.

Doppelte Premiere in Bregenz: Zum ersten Mal feierte eine Oper des Tiroler Komponisten Premiere, und erstmals fungierte Schauspieler Markovics als Opernregisseur.Foto: Bregenzer Festspiele/Köhler

Von Ursula Strohal

Bregenz –Menschen kommunizieren durch Medien leichter als im direkten Kontakt. Früher schrieb man Briefe. Der japanische Autor Yasush­i Inou­e veröffentlichte 1949 ein­e ebenso vielschichtige wie bezaubernde Geschicht­e, in der drei untereinander verbundene Frauen ihre Beziehungen zu jenem Mann aufarbeiten, der ihr Leben veränderte und dann verlassen mit seinem Jagdgewehr in die Berge geht. Es sind Abschiedsbriefe. Die Frauen, Leid und Schuld tragend, emanzipieren sich auf jeweils ihre Weise. Gattin Midori, die eine schlechte Ehe ertrug, lässt sich scheiden. Die Geliebte Saiko, von schlechtem Gewissen gequält, nimmt Gift. Deren Tochter Shoko, die wohl ein schlechter Einstieg ins eigene Liebesleben erwartet, will den Onkel nicht mehr sehen. Josuke Misugi, ein­e höhergestellte „Festung“, wie seine Frau sagt, strahlt so viel Einsamkeit aus, dass ein Dichter nach einer zufälligen Begegnung ein Gedicht darüber schreibt. Der Jäger erkennt sich darin und spielt dem Dichter die Briefe der Frauen zu.

Stoff für Thomas Larcher, der komponierend nicht hier noch eine Zeile, Silbe, Betonung braucht, sondern einen komplexen Text, in den er sich hineinbegeben kann, aufspürend, hörend, was da auf mehreren Ebenen klingt, was er semantisch und in der Unterfütterung hergibt, wie Wort und Sinn ausdrucks­mäßig zu transformieren sind, wo die wahren Dramen liegen. Kurz: Prima le parole, dopo la music­a. Der Text wirft die Musik an.

Friederike Gösweiner hat ihm Inoues „Das Jagdgewehr“ für das Auftragswerk der Bregenzer Festspiele vorgeschlagen und das Libretto verfasst. Sie nützt mit virtuoser Hand den Brief als direkte Rede und montiert mit Elementen der Spannung, der Reflexion und lyrischen Betrachtung handlungsaufbauend 13 dichte Szenen mit Prolog. So wird sie in der dramaturgischen Aufschlüsselung auch der originalen Zeitsprünge und Positionswechsel Herr, denn der Zuschauer erfährt aus drei verschiedenem Blickwinkeln ja dieselbe Geschichte. Dabei greift sie niemals in den Originaltext ein, schreibt selbst kein­e Silbe dazu.

Dies und Japans Art, Emotion nach innen zu verlegen, scheint Larchers Art zu komponieren sehr entgegenzukommen. Er schuf ein Farb­gespinst, das sich lyrisch weitet und dramatisch verdichtet, das Regie führt, das Stück auf Klängen trägt, an dramaturgisch Arioses liedhaft herangeht und dann wieder bedrohlich verdunkelt. Eine eindringliche, großartig instrumentierte Musik. Viele Phrasen der Sänger beendet er nicht mit einer Abwärts-, sondern einer Aufwärtsbewegung, die Frauen sind vokal charakterisiert, silbenweise mit Pausen (Midori) oder gebunden phrasierend (Saiko), die 20-jährige Tochter mit Verzweiflungsspitzen.

Im Vorspiel gibt es einige historisch informierte Takte, und dort, wo deren Spezialisten später etwa eine Gamb­e oder Lirone einsetzen würden, nimmt Larcher das Akkordeo­n. Fabelhaft die siebenkehlige Schola Heidelberg (Walter Nussbaum), unglaublich gut mitdenkend, aufeinander und die Sänger hörend unter Michael Boders Leitung das Ensemble Modern (beid­e hätten beim begeisterten Schluss­applaus mehr Aufmerksamkeit verdient).

Erstklassig die Sänger. Ausgesprochen schönstimmig die Männer, Robin Tritschler (Dichter) und Andrè Schuen (Misugi), ebenso edel timbriert die Frauen: Sarah Aristidou mit ihren sphärischen Höhen als Shoko, Giulia Peri als verletzte Midori und der schöne lyrische Mezzo­sopran von Olivia Vermeulen als Saik­o.

Der Existenzbedingung Einsamkeit tritt Karl Markovics als Regisseur ganz schlicht entgegen, isoliert die Bühnen­menschen in ihrer auch sehr heutigen Melancholie, langsam in den Bewegungen, drucklos und gänzlich unverlogen. Katharina Wöppermanns Bühnen­bild kommt überzeugend mit einem Rahmen und Bernd Purkrabeks Lichtgestaltung aus.


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