Geiseldrama von Gladbeck - Die 54 Stunden bis zur Festnahme

Köln (APA/AFP) - Das Geiseldrama von Gladbeck vor 30 Jahren hat Nachkriegsgeschichte geschrieben: Zwei schwer bewaffnete Täter, die mit wech...

Köln (APA/AFP) - Das Geiseldrama von Gladbeck vor 30 Jahren hat Nachkriegsgeschichte geschrieben: Zwei schwer bewaffnete Täter, die mit wechselnden Geiseln in mehreren Fluchtautos tagelang durch den Westen und Norden der Republik rasen, begleitet von einem Medientross und unter den Augen einer überforderten Polizei - das hatte es in Deutschland noch nicht gegeben. 54 Stunden hielt das Verbrechen die Bundesrepublik Deutschland in Atem.

DIENSTAG, 16. AUGUST 1988

Kurz vor 08.00 Uhr: Hans-Jürgen Rösner (31) und Dieter Degowski (32) betreten vermummt und mit Maschinenpistolen bewaffnet eine Deutsche-Bank-Filiale in der Ruhrgebietsstadt Gladbeck. In der Bank im Stadtteil Rentford nehmen sie eine Kundenberaterin und einen Kassierer als Geiseln.

21.47 Uhr: Die Polizei lässt die Täter mit den Geiseln und einer Beute von umgerechnet gut 200.000 Euro in einem Auto wegfahren.

MITTWOCH, 17. AUGUST 1988

Früher Morgen: Nach einer Irrfahrt durchs Ruhrgebiet treffen die Täter wieder in Gladbeck ein, wo Rösner seine Freundin Marion L. (34) abholt. Weiter geht die Fahrt durch Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen, bis das Trio mit den Geiseln am Nachmittag Bremen erreicht.

TT-ePaper gratis lesen

Die Zeitung kostenlos digital abrufen, das Testabo endet nach 4 Wochen automatisch.

Jetzt testen
TT ePaperTT ePaper

19.07 Uhr: Im Bremen-Huckelriede kapern die Geiselnehmer einen voll besetzten Linienbus und bringen so weitere Menschen in ihre Gewalt.

21.50 Uhr: Die Linienbus nimmt Kurs auf die Autobahn, gefolgt von zahlreichen Presseautos. 45 Minuten später erreicht der Bus die Raststätte Grundbergsee an der A1. Dort lassen die Täter die beiden Gladbecker Bankangestellten frei. Als Polizisten an der Raststätte vorübergehend Marion L. festnehmen, erschießt Degowski im Bus den 15-jährigen Italiener Emanuele de Giorgi.

DONNERSTAG, 18. AUGUST 1988

02.28 Uhr: Die Linienbus fährt über die Grenze in die Niederlande. Dort steigen die Gangster mit den Bremer Geiseln Silke Bischoff und Ines V. in eine von der Polizei bereit gestellte Limousine um - die übrigen Bus-Geiseln kommen frei. Über Gronau kehren die Geiselnehmer mit den beiden jungen Bremerinnen nach Deutschland zurück und fahren über die A1 nach Köln.

10.53 Uhr: Der Fluchtwagen steht in einer Kölner Fußgängerzone, umringt von einem Pulk Journalisten und Schaulustiger. Die Täter geben von laufenden Kameras Interviews - Köln wird zum Schauplatz der wohl berüchtigsten „Pressekonferenz“ der deutschen Kriminalgeschichte.

Augenzeugen zufolge fordert ein Journalist Degowski auf, Bischoff erneut mit der Pistole zu bedrohen: „Halt der noch mal die Knarre an den Hals, ich hab das Bild noch nicht.“ Als sich die Limousine um 12.31 Uhr wieder in Bewegung setzt, drängen Presseautos die Polizeifahrzeuge ab. Ein Journalist im Fluchtwagen lotst die Gangster zur Autobahn.

13.18 Uhr: Die Täter-Limousine befindet sich auf der A3 in Fahrtrichtung Frankfurt, als sich die Einsatzleitung zum Eingreifen entscheidet: „Zugriff wenn möglich noch auf der BAB, bei nächster günstiger Gelegenheit, wenn möglich bei Halt. Täter dürfen nicht wieder in einen City-Bereich einfahren.“

13.38 Uhr: Das Fluchtauto steht auf dem Standstreifen nahe der Ausfahrt Bad Honnef. Sekunden später rasen Einsatzwagen der Spezialkommandos heran. Doch als der vorausfahrende SEK-Wagen zum Rammstoß gegen das stehende Fluchtauto ansetzt, fährt der Wagen der Gangster kurz an - genug, um vom Polizeiauto an der falschen Stelle gerammt zu werden.

Es folgt eine wilde Schießerei. Ines V. kann sich unverletzt retten; die 18-jährige Silke Bischoff wird von einer Kugel aus Rösners Revolver getötet. Rösner, Degowski und L. werden festgenommen.

FREITAG, 22. MÄRZ 1991

Das Landgericht Essen verurteilt Rösner und Degowski zu lebenslangen Freiheitsstrafen. L. erhält neun Jahre Haft.

DONNERSTAG, 15. FEBRUAR 2018

29 Jahre und sechs Monate nach dem Geiseldrama wird Degowski aus dem Gefängnis entlassen. Rösner befindet sich weiter in Haft.


Kommentieren