Der versuchte Image-Wandel der Taliban

Kabul (APA/dpa) - Hunderte Menschen wurden in der vergangenen Woche in Afghanistan bei Gefechten und Bomben getötet. Der Islamische Staat gr...

Kabul (APA/dpa) - Hunderte Menschen wurden in der vergangenen Woche in Afghanistan bei Gefechten und Bomben getötet. Der Islamische Staat greift brutal Jugendliche an. Die Taliban hingegen scheinen ihre Strategie zu ändern: Seit mehreren Monaten haben sie keine Selbstmordattentate in Städten mehr für sich beansprucht.

Der letzte von ihnen reklamierte war im Mai, als Attentäter eine Polizeistation in Kabul angriffen. Die Attentate auf eine Hebammenschule in Jalalabad, eine schiitische Moschee in Gardes oder das Bildungszentrum in Kabul gehen alle auf das Konto des IS.

Dahinter stehe die Strategie der Taliban, Teile der Bevölkerung für sich zu gewinnen und ihren Kampf gegen ausländische Truppen und ihre afghanischen Verbündete als legitim darzustellen, sagt Thomas Ruttig vom Rechercheinstitut Afghanistan Analysts Network. „Es scheint in der Tat, dass die Taliban seit dem Waffenstillstand und ihrer Erklärung, stärker auf den Schutz von Zivilisten achten zu wollen, keine Selbstmordanschläge in Städten mehr durchgeführt haben“, erklärte Ruttig. Es sei es aber noch zu früh, dies abschließend zu bewerten.

Der afghanische Ex-General Sahir Azimi sieht hinter diesem Strategiewechsel ein Ergebnis direkter Gespräche der Aufständischen mit den USA. Ende Juni soll die Südasien-Gesandte der USA, Alice Wells, eine Taliban-Delegation in Doha getroffen haben. Azimi vermutet, ein Zurückfahren der Angriffe auf Zivilisten war Teil einer Abmachung oder Vorbedingung für Gespräche zwischen den USA und den Taliban gewesen.

TT-ePaper gratis lesen

Die Zeitung kostenlos digital abrufen, das Testabo endet nach 4 Wochen automatisch.

Jetzt testen
TT ePaperTT ePaper

Das heißt aber nicht, dass die Taliban ihre Waffen niedergelegt haben. Vielmehr zielen sie aktuell noch stärker auf Sicherheitskräfte ab. Kaum eine Nacht vergeht, in der nicht mehrere, wenn nicht Dutzende Polizisten oder Militärs bei Angriffen quer übers Land getötet und ihre Kontrollposten abgefackelt werden.

Die Taliban überrannten in diesem Jahr bereits mehrere Militärbasen. Durch diese Angriffe würden sie strategisch an Boden gewinnen, erläuterte Azimi. Je mehr die Sicherheitskräfte unter Druck stehen, je mehr Bezirke die Taliban erobern oder Provinzhauptstädte sie angreifen, desto mächtiger sei ihre Verhandlungsposition bei Friedensverhandlungen.

Viele wundern sich über die Stärke, die die Taliban an den Tag legen. Afghanische Experten sehen darin vielmehr Schwächen bei den Sicherheitskräften. Die obersten Militärs und Polizisten werden gerade heraus als Diebe bezeichnet, ihre Kompetenz sei schlecht, sie würden ihre Leute nicht oder nicht rechtzeitig mit dem Notwendigsten versorgen, heißt es. Die Qualität der Geheimdienstinformationen sei schwach oder die Informationen würden bei bevorstehenden Angriffen zu langsam oder gar nicht unter den Einheiten geteilt.

Die Korruption aber sabotiere alles. Auch der Polizeichef von Ghazni, Farid Mashal, hatte im Juni öffentlich beklagt, er habe bei Amtsantritt 1100 „Geisterpolizisten“ - fiktive Beamte auf den Gehaltslisten - in seiner Einheit entdeckt. Auch deswegen habe sich die Sicherheit in der Provinz zunehmend verschlechtert, sagte Mashal. Kontrollposten waren mit viel weniger Polizisten besetzt und konnten leichter erobert werden. Provinzräte von Ghazni beklagten, Ausrüstung würde einfach gestohlen und verkauft.

Dass die Taliban wirklich die Zivilbevölkerung verschonen wollen, bleibt abzuwarten. Aus Ghazni kamen Berichte über beides - dass sie Zivilisten zurück in ihre Häuser schickten, damit sie nicht ins Kreuzfeuer gerieten. Aber auch darüber, dass sie Zivilisten töteten und drangsalierten. Experte Ruttig erinnert an einen Anschlag auf einen Geheimdienst-Konvoi in Kabul im Juli, bei dem auch Passanten betroffen gewesen sein sollen. „Das zeigt, dass sie wie in der Vergangenheit auch zivile Opfer in Kauf nehmen, wenn sie eine militärische Notwendigkeit sehen“, sagte er.


Kommentieren