Die Paranoia von einst auf dem Prüfstand

Kurz vor seinem 75. Geburtstag legt der große Peter Henisch einen neuen, hochpolitischen Roman vor.

Der Autor Peter Henisch wird am 26. August 75 Jahre alt.Foto: APA/Schlager
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Innsbruck –Es ist eine Floskel, die Schlimmeres verhindern soll: Allfällige Ähnlichkeiten oder Namensgleichheiten sind reiner Zufall. Autoren, die sich am allzu Realen abarbeiten, schicken ihren Texten solche oder ähnliche Zeilen immer dann voraus, wenn die Parallelen zwischen Geschildertem und der Wirklichkeit allzu offensichtlich sind. Zumeist als Absicherung gegen ein etwaiges juristisches Nachspiel.

Paul Spielmann, der Protagonist von Peter Henischs neue­m Roman „Siebeneinhalb Leben“, hat auf derlei Präambeln verzichtet, als der vor gut drei Jahrzehnten sein Buch „Steins Paranoia“ veröffentlicht hat. Und jetzt hält ihn ein eigentümlicher Typ in zu weiten Hosen vom Schreiben eines weiteren Buches ab, weil er sich in der Hauptfigur von „Steins Paranoia“ wiedererkannt haben will. Schließlich heiße auch er Max Stein – und manches in der Erzählung sei ja auch präzise dargestellt. Anderes allerdings schreit nach Revision. Eine überarbeitete Neuauflage schwebt diesem Stein vor, ein klärendes Vor- oder Nachwort vielleicht. Oder am besten eine gemeinsam verfasste Fortsetzung. Schließlich drohe das, was ihn einst in die Geschlossene trieb – die widerspruchslose Wiederkehr rechtsradikalen Gedankenguts –, auch dieser Tage. Paul Spielman­n mag eigentlich kaum glauben, dass ihm tatsächlich ein Mann gegenübersitzt, den er einst erfunden hat. Und irgendwie geht ihm dieser Stein gehörig auf die Nerven. Aber so ganz von der Hand weisen lassen sich dessen Feststellungen auch nicht. Das zeigt ein Blick in die Zeitungen genauso wie jener auf schlampig gesprayte Zahlenspiele auf Hausmauer­n, in denen Eingeweihte ewig gestrige Parolen erkennen.

Peter Henischs „Siebeneinhalb Leben“ ist also ein hintersinniges literarisches Spiel zwischen Fakt und Fiktion. Und in Wirklichkeit ist das Spiel noch verzwickter. Denn kein – nome­n es omen – Spielmann hat 1988 unter dem Eindruck der Waldheim-Debatten einen Roman namens „Steins Paranoia“ geschrieben, sondern Peter Henisch selbst. Sein neuer Roman ist also gewissermaßen die Fortschreibung eines älteren. Und naturgemäß auch eine intensive Befragung der einst durchgespielten Gewissheiten. Wo lassen sich Kontinuitäten ausmachen? Wo gab es Brüche? Wo bleibt der Widerspruch gegen die neuerliche Rechtsdrehung der Republik? Wo der Protest gegen finstere Vereinfachung, Ressentiment oder Hetze? Und: Lässt sich diesen Fragen ästhetisch, in Form eines Romans zum Beispiel, gerecht werden? Oder ist Schreiben und Beschreiben ein Akt selbstgefälligen Besserwissens? Zugegeben: Das klingt jetzt furchtbar verkopft. Aber so liest es sich nicht. Henisch, der am Sonntag nächster Woche (26. August) 75 Jahre alt wird, hat einen klugen, einen ziemlich knackigen Roman vorgelegt, sprachlich fein gearbeitet, mal leise ironisch, dann wieder beinahe galgenhumorig frech. „Siebeneinhalb Leben“ – in dem, daher der Tite­l, auch ein abgängiger Kater eine wichtige Rolle spielt – ist politische Literatur im besten Sinne. Hier werden keine Lehren erteilt, sondern Lehrsätze auf den Prüfstand gestellt. Der Roman ist eine kurzweilig­e Aufforderung, wachsam zu bleiben. Wachsam und widerständig. (jole)

Roman Peter Henisch: Siebeneinhalb Leben. Deuticke, 127 Seiten, 18,50 Euro.

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