Die Piraten der Karibik sind zurückgekehrt

Weil Venezuela als Staat zerfällt und seine Bewohner immer ärmer werden, breitet sich an seinen Küsten die Piraterie aus.

(Symbolfoto)
© SPANISH MINISTRY OF DEFENCE

Caracas –Die Karibik war einst Operationsgebiet legendärer Freibeuter, die Jagd auf spanische Galeonen und andere Reichtümer machten. Ihr Angriff auf die herrschende Ordnung wurde später romantisch verklärt. 300 Jahre nach ihrem so genannten goldenen Zeitalter nimmt die Piraterie in der Region nun wieder zu. Dahinter stehen aber nicht große Reichtümer, sondern der politische und wirtschaftliche Verfall in Anrainerstaaten, allen voran Venezuela.

Mit einer Million Prozent Inflation rechnet der Internationale Währungsfonds dieses Jahr in Venezuela. Die Zahl steht beispielhaft für die Misere in dem Land, das eigentlich über die größten Erdölreserven der Welt verfügt. Selbst Güter des täglichen Bedarfs, von Lebensmitteln bis zu Hygieneartikeln, sind oft kaum zu bekommen. Während Staatschef Nicolás Maduro und seine Sozialisten immer autoritärer regieren, greifen Gewalt und Korruption um sich. Mehr als eine Million Venezolaner sollen bereits ins Ausland geflohen sein. Zugleich tauchen immer mehr Berichte über Piraterie vor Venezuela auf. Laut Tagesspiegel hat sie allein im Vorjahr um 160 Prozent zugenommen.

Mittlerweile komme es an oder vor der Küste so gut wie jeden Tag zu Überfällen auf Jachten und Fischerboote und gelegentlich auch auf Frachter, heißt es. Den Angreifern geht es um Geld und alles, was sich zu Geld machen lässt: Boote, Fischfang, Motoren, Elektronik ...

Selbst Strandhotels wurden bereits von der See her überfallen. Das schädigt den Tourismus im karibischen Paradies. Die Fischereiindustrie – einst ankerte hier die viertgrößte Thunfischflotte der Welt – liegt ebenfalls brach. Das Überleben in den Küstendörfern wird immer schwieriger. „Banden von arbeitslosen Fischern machen Jagd auf diejenigen, die sich noch aufs Meer hinaus wagen“, schrieb 20 Minuten.

Experten zufolge bricht an den Küsten die staatliche Kontrolle zusammen. „Polizisten und Militärs verlassen ihre Posten, weil ihre Gehälter nichts mehr wert sind“, berichtete die Washington Post. Viele Fischerorte haben deshalb bewaffnete Selbstverteidigungskommandos eingerichtet. Mancherorts sollen Überfälle auch mit Wissen von korrupten Sicherheitskräften geschehen, die an der Piraterie mitverdienen. „Es ist ein kriminelles Chaos“, zitierte das Blatt Jeremy McDermott von der NGO Insight Crime.

Romantische Vorstellungen von Piraterie sind fehl am Platz. Zeugen berichten, wie brutal die Kriminellen vorgehen. Überfallene werden misshandelt und nicht selten umgebracht. Eine Deutsche berichtete auf dem Portal Transocean, wie sie mit ihrem Partner auf einem Segeltörn vor Venezuela überfallen und geschlagen wurde und um ihr Leben gebangt hat.

Unsicher ist Venezuelas Küstenregion aber nicht allein wegen der Piraterie, sondern auch der Schmuggel nimmt zu. Manche Strandabschnitte sollen unter der Kontrolle der Drogenmafia stehen, die kolumbianisches Kokain nach Nordamerika und Europa verschifft.

Laut Washington Post werden aber auch aus venezolanischen Beständen entwendete Militärwaffen, Frauen und exotische Tiere gehandelt. Manchmal würden die Schmuggler sogar Nahrung als Bezahlung annehmen, zitierte das Blatt einen Fischer aus dem kleinen Trinidad, das bei gutem Wetter in Sichtweite von Venezuela liegt. Damit erfasst die Krise in Venezuela zunehmend auch die Nachbarn. (floo)


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