Eine Familie auf der Couch

„Bruder und Schwester Lenobel“: Michael Köhlmeier taucht in seinem neuen Roman in die Tiefe familiärer Beziehungen.

© Thomas Boehm / TT

Innsbruck –Sie können weder zueinander noch zu sich selbst finden, diese Geschwisterkinder, denen Michael Köhlmeier seinen soeben bei Hanser erschienenen Roman „Bruder und Schwester Lenobel“ widmet. Jetti und Robert sind ebenso gebildet wie selbstbezogen, Angehörige eines saturierten wie links-liberal gesinnten Wiener Bürgertums, jüdisch und, ja, neurotisch. Und beide tragen schwer an der Vergangenheit ihrer Familie, der Ermordung der einen Großeltern in den NS-Vernichtungslagern in Polen sowie dem Freitod der anderen Großeltern in Israel.

Robert, Mitte fünfzig, ist ein gefragter und aufgrund seiner Unerbittlichkeit gefürchteter Psychoanalytiker, Jetti Projektmanagerin im Kulturbereich mit wechselnden Heimaten zwischen Triest und Dublin, München und Wien. Zusammengeschweißt hat dieses Hänsel-und-Gretel-Paar das schwierige Aufwachsen zwischen den Depressionen der Mutter und der Abwesenheit des Vaters.

Beider Rollen sind dabei klar verteilt: Der um einige Jahre ältere Robert ist Lehrmeister der Schwester, ein harter Sparringspartner auf dem Feld des Intellekts. Jetti hingegen übernimmt die Aufgabe der praktisch veranlagten Organisatorin. Schon als Teenager regelt sie mit dem kontinuierlichen Verkauf von wertvollen Blättern aus der nachgelassenen und wie ein Wunder vor der so genannten „Arisierung jüdischen Vermögens“ geretteten Grafiksammlung des Großvaters das Auskommen der Familie.

Nun ist er plötzlich weg, der in seinen ritualisierten Gewohnheiten so vehemente Bruder. Und seine Frau Hanna, Besitzerin einer jüdischen Buchhandlung in Wien, ruft in ihrer ziemlich ambivalenten Verzweiflung die Schwägerin Jetti zu Hilfe.

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In fünf Teilen, auf 540 Seiten, verschränken sich die Lebens- und Liebeslinien, Gedanken- und Gefühlshaushalte der zahlreichen Protagonisten, immer wieder unterbrochen von kursiv gesetzten dunkel-symbolischen Märchen des Autors.

Der Leser muss sich mit einer teilweise erschreckenden Ichbezogenheit der Charaktere abfinden, in der ein Außen, gar ein politisches Außen, offenbar maximal in der Rückkoppelung auf die eigene Person stattfindet. Wie verwirrte Spürhunde suchen Robert und Jetti, aber auch Hanna und der aus Köhlmeiers Roman „Abendland“ bekannte Schriftsteller Sebastian Lukasser die Fährte ihres Lebenssinns.

Der Bruder wird in Israel fündig, Jetti entschließt sich für den „Richtigen“ und der Autor vielleicht dazu, die Lenobel-Saga fortzusetzen: mit der gegen Schluss des Romans vorgestellten und viel „Stoff“ versprechenden nächsten Generation. (lietz)

Roman Michael Köhlmeier: Bruder und Schwester Lenobel. Hanser, 544 Seiten; 26,80 Euro


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