Wieviel Boykott darf sein? - Triennale debattiert Freiheit der Kunst

Bochum (APA/dpa) - Eine kritische Ministerin, eine umstrittene Intendantin und zwei Israel-Boykott-Unterstützer: Das Podium der Ruhrtriennal...

Bochum (APA/dpa) - Eine kritische Ministerin, eine umstrittene Intendantin und zwei Israel-Boykott-Unterstützer: Das Podium der Ruhrtriennale-Diskussion um die „Freiheit der Künste“ am Samstag wird alles andere als langweilig. Moderator ist Ex-Bundestagspräsident Lammert.

Podiumsdiskussion zu einem politisch heiklen Thema statt Konzert: Gut eine Woche nach Saisonstart diskutiert das renommierte Kulturfestival Ruhrtriennale an diesem Samstag auf offener Bühne über die „Freedom of Speech/Freiheit der Künste“. Anlass ist die heftige Debatte um die Einladung der Pop-Band „Young Fathers“, die die israelkritische Boykott-Kampagne BDS unterstützt. Triennale-Intendantin Stefanie Carp hatte die Gruppe zum Festival erst ein-, dann aus- und zuletzt wieder eingeladen. Die Gruppe sagte schließlich von sich aus ab.

NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU), der enge Beziehungen zu Israel unterhält, will dem Festival nun komplett fernbleiben. Das Konzert des schottischen Trios war für den gleichen Tag am gleichen Ort angesetzt gewesen.

Mitte Juni hatte die ehemalige Schauspielchefin der Wiener Festwochen die „Young Fathers“ ausgeladen, nachdem die Band sich trotz Aufforderung nicht von der BDS-Bewegung distanziert hatte. Die Kampagne „Boycott, Divestment and Sanctions“ (Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen; BDS) setzt sich für einen Boykott Israels wegen der Palästinenserpolitik ein. Israel wirft der Bewegung vor, sie sei antisemitisch und gehe einseitig gegen den jüdischen Staat vor.

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Einige Tage später hatte Carp die Band dann wieder eingeladen. „Ich bin der Meinung, dass wir die unterschiedlichen Perspektiven und Narrative zulassen müssen, da diese Offenheit das dramaturgische Credo unseres Programmes ist“, teilte die 62-Jährige mit. Sie müsse daher „die Freiheit der Kunst verteidigen“. Die jüdischen Gemeinden in Nordrhein-Westfalen warfen der renommierten Dramaturgin daraufhin Naivität und „grundlegende Unwissenheit um den Begriff des Antisemitismus und Fakten des Nahostkonflikts“ vor.

Diskutieren wollen Triennale-Intendantin Carp, NRW-Kulturministerin Isabel Pfeiffer-Poensgen (parteilos) sowie Ex-Kulturminister und Triennale-Fördervereinsvorsitzender Michael Vesper. Auf dem Podium sitzen außerdem der belgische Choreograf Alain Platel und der US-Komponist Elliott Sharp, der in diesem Jahr selbst eine Operinstallation („Filiseti Mekidesi“, 5. September) verantwortet, an der auch eine palästinensische Sängerin teilnimmt. Platel und Sharp unterstützen nach Angaben von Carp im Kulturausschuss des Landtags die BDS-Kampagne. Moderator ist der frühere Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU).

Thema sei das Spannungsverhältnis zwischen Meinungsfreiheit und gesellschaftlicher Verantwortung im Kontext der deutschen Geschichte. „Dabei geht es auch um Sinn und Legitimation von Boykott-Strategien im Bereich der Kultur“, hieß es in der Festival-Ankündigung.

Jüdische Verbände in Nordrhein-Westfalen kritisierten, dass kein Vertreter der jüdischen Gemeinschaft an dem Podium teilnehmen werde. Die israelische Botschaft in Berlin hatte nach eigenen Angaben eine Einladung abgelehnt. Man unterstütze zwar die Idee, verschiedene Friedenskonzepte, Ansätze und Wege zu diskutieren, auch mit Menschen, deren Meinung man nicht teile, sagte eine Sprecherin der „Rheinischen Post“. „Wir werden jedoch nicht das Existenzrecht Israels diskutieren.“


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