Salzburger Festspiele - „The Bassarids“ und die göttliche Willkür

Salzburg (APA) - Die Salzburger Festspiele am Puls der Zeit: Jedenfalls bei der Uraufführung von Hans Werner Henzes „Bassariden“ im Sommer 1...

Salzburg (APA) - Die Salzburger Festspiele am Puls der Zeit: Jedenfalls bei der Uraufführung von Hans Werner Henzes „Bassariden“ im Sommer 1966 - einer Oper, die aus altgriechischem Stoff von Orgien, (scheinbarer) sexueller Befreiung und dem psychedelischen Bruch mit den geordneten Verhältnissen erzählt. Gestern, Donnerstag, kehrten „The Bassarids“ zurück: Ein Kampf gegen den Anachronismus.

Denn mit nackter Haut Freiheit zu suggerieren, mit inzestuösen Fantasien Ventile zu öffnen, mit kultischem Blutvergießen grausame Faszination zu wecken - das ist heute nicht mehr ganz einfach. Man rutscht ohne Umwege in abgeschmackte Bilder und routinierte Provokation, gleich ob mit starrem Konzept oder mit einer Haltung, wie sie Krzysztof Warlikowski bei seinem Festspieldebüt eingenommen hat: Den Sex und den Mord und den Inzest und das Sektieren und Travestieren einfach mal so vor sich hin zu inszenieren.

Mit der Felsenreitschule hat Warlikowski gemacht, was man eigentlich nicht machen darf, und damit dennoch einen Erfolg verbucht: Er hat sie gefüllt. Über die breite Bühne erstreckt sich eine Metallkonstruktion, die das Geschehen in drei miteinander verbundene Räume teilt: Ein königliches Zimmer, ein intimes Zimmer, ein kultisches Zimmer. Das hat den angenehmen Effekt, das es fast immer etwas zum Hinschauen - und etwas anderes zum Wegschauen - gibt. Irgendwo macht sich stets, Stück für Stück, eine Tänzerin - Rosalba Guerrero Torres - nackt, um am Höhepunkt der dionysischen Riten einen ekstatischen Tanz zu vollführen. In einer anderen Ecke gehen die Bürger von Theben immer wieder neuen kultischen Verrichtungen nach: Irgendwer wird ausgezogen oder ermordet und dann irgendwo drapiert.

Dazwischen spielt sich das familiäre Drama der Königsfamilie ab. Dionysus, nicht anerkannter, halbgöttlicher Sohn der verschiedenen Königstochter Semele, kehrt zurück in die Heimat seiner Mutter, um Rache zu üben. Dort muss der ob seiner schwierigen Herkunft - Vater Zeus tötete die Mutter durch den überwältigenden Anblick seiner wahren Gestalt - an einem gewaltigen Wutproblem laborierende Nachwuchsgott mitansehen, wie Pentheus, sein Cousin, zum König gekrönt wird. Dessen Mutter Agaue hat ihrer Schwester Semele die Zeus-Affäre nie abgekauft und rümpft über den Kult um deren Legende nur die Nase. Mit Pentheus unterhält sie ein tendenziell inzestuöses Verhältnis. Für Dionysus, den gekränkten Gott mit der Macht, zu verführen, sind sie leichte Opfer.

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Und so wird aus der verkappten, rauchigen Atmosphäre der ersten Bilder, optisch irgendwo zwischen dem bürgerlichen Spießertum der Opern-Entstehungszeit, dem film noir und den Village People angesiedelt, recht schnell, etwas zu schnell, eine Entgleisung, Enthemmung - und eine Entrechtung des bisher Rechtmäßigen. Dionysus, von Sean Panikkar wunderbar und betörend gesungen, zieht alle in seinen Bann. Wie - das bleibt unerklärt. Die Attraktion, den Drang, das Charisma des Dionysus-Kults zu chiffrieren - geschweige denn, zu dechiffrieren - hat Warlikowski gar nicht versucht. Es bleibt göttliche Willkür.

Deshalb ist das Statement des Regisseurs, seine Deutung handle auch von den Verführungen des aktuellen Rechtspopulismus in Europa, schlicht nicht interessant - denn ein schablonenhafter Hexensabbat, der seine inneren Motive nicht offenbart, hat zu einer Debatte über unsere europäische Gegenwart nichts beizutragen. Agaue, von Tanja Ariane Baumgartner mit intensiven Momenten, aber auch mancher hörbarer Anstrengung gesungen, lässt sich gehen und wird im sexuellen Fieber zur Kindsmörderin. Pentheus, von Russell Braun nach Anlaufschwierigkeiten im zweiten Teil stark umgesetzt, kämpft gegen den Kult und kann sich ihm doch nicht entziehen. Keiner von beiden wird als Figur greifbar, beide scheinen unfähig zu echten Emotionen. Auch die spannungsvolle Beziehung von Pentheus zu Dionysus ist zwar räumlich geschickt arrangiert, aber im wesentlichen schlecht ausgeleuchtet.

Beim Publikum sind die in ihrer Originalsprache aufgeführten „Bassarids“ - W.H. Auden und Chester Kallman verfassten das literarisch äußerst spannende Libretto auf Englisch und ließen es für die Salzburger Uraufführung übersetzen - dennoch auf Wohlwollen gestoßen. Die großen Jubelstürme blieben bei der Premiere zwar aus, Warlikowski erregte - obwohl er es momentweise sicher darauf angelegt hatte - allerdings auch kein hörbares Missfallen. 2018 lässt sich das Publikumsgemüt eben schwerer durch befreiende Verruchtheit erregen als 1966.

Der wesentlichere Beitrag zu Publikumsgunst kam vermutlich aus dem Orchestergraben. Die Wiener Philharmoniker haben sich unter Kent Nagano wahrlich um Henze verdient gemacht - und auch zur Erhellung der dionysischen Verführungskunst um einiges mehr beigetragen als das Bühnengeschehen. Während Nagano mit der Koordination auf der disparaten Bühne massiv gefordert war, lief das philharmonische Werkl gut geölt und präzise verzahnt - um in den neoromantischen Passagen eine flirrende, fiebrige, entrückte und entzückende Stimmung zu kreieren, die einem Halbgott keine Schande macht. Und damit den szenischen Opernreigen des heurigen Festspielsommers nicht nur dem heurigen Motto von Leidenschaft und Ekstase, sondern auch der Festspielgeschichte gemäß würdig zu beschließen.

(S E R V I C E - „The Bassarids“ von Hans Werner Henze. Regie: Krzysztof Warlikowski, Dirigent: Kent Nagano. Mit Sean Panikkar, Russell Braun, Tanja Ariane Baumgartner; Wiener Philharmoniker. Weitere Vorstellungen am 19., 23. und 26. August. Felsenreitschule. www.salzburgerfestpiele.at)


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