Salzburger Festspiele - Opernbilanz als Erfolgslauf mit Verspätung

Salzburg (APA) - Mit den fünf szenischen Opernproduktionen der heurigen Salzburger Festspiele ist Markus Hinterhäuser nicht nur ein enger Zu...

Salzburg (APA) - Mit den fünf szenischen Opernproduktionen der heurigen Salzburger Festspiele ist Markus Hinterhäuser nicht nur ein enger Zusammenhang mit dem Festspielmotto „Passion, Ekstase und Leidenschaft“ gelungen - er hat auch einmal mehr ein glückliches Besetzungshändchen bewiesen. In Summe ergibt die Opernbilanz 2018 - mit Ausnahme der Eröffnungs- und einzigen Mozartoper - einen veritablen Erfolgslauf.

Schwer ist es für eine junge Regisseurin, als Auftaktinszenierung der Salzburger Festspiele eine „Zauberflöte“ gestalten zu müssen - diese Erfahrung musste die 40-jährige Lydia Steier machen. Mutlosigkeit konnte man der Theatermacherin nicht vorwerfen, entschied sie sich doch zum radikalen Ansatz, die Dialoge gänzlich zu streichen und durch einen Erzähler - Klaus Maria Brandauer als Großvater - zu ersetzen, der in einer neuen Rahmenhandlung das schwierige Mozart-Werk als Märchengeschichte darbietet. Das an sich schlüssige, bildstarke Konzept ließ dabei viele der symbolischen Bedeutungsebenen der Oper unter den Tisch fallen und wurde von einem guten Teil der Kritik nachgerade in der Luft zerrissen. Auch im Orchestergraben konnte Constantinos Carydis mit den klein besetzten Wiener Philharmonikern nicht mehr viel ausrichten. Das Fazit der Presse reichte von „Reinfall“, „teilweise nah am Stuss“ bishin zu „Albtraum in der Spielzeugkiste“. An Ideen mangelte es der Auftaktinszenierung dennoch nicht, auch wenn sich nicht der erhoffte Erfolg wurde.

Und dann kam die „Salome“: Die ebenso erratische wie elegante Inszenierung der Strauss-Oper durch den Regiemystiker Romeo Castellucci in der Felsenreitschule geriet tags darauf zum Triumph - nicht zuletzt dank ihrer Hauptdarstellerin. Die 37-jährige Litauerin Asmik Grigorian wurde bei ihrem Rollendebüt vom Publikum und der Kritik nachgerade frenetisch gefeiert. Mit ihrer stimmlich und darstellerisch versatilen Interpretation der als legendär schwer geltenden Titelpartie setzte sich Grigorian endgültig in der Spitzengruppe ihrer Zunft fest. Dass der Abend dennoch mehr als ein Starvehikel wurde, ist nicht nur der beinahe an installative Tableaux vivants erinnernden Arbeit Castelluccis zu verdanken, sondern auch der Leistung von Franz Welser-Möst mit den Wiener Philharmonikern im Graben. Die ebenso schlüssige wie mit den Extremen spielende Interpretation überzeugte die Kritik, die von einem „Gesamtkunstwerk“ oder einem „Ereignis“ sprach.

War die „Zauberflöte“ als Operninszenierung Nr. 1 überraschend umstritten und die „Salome“ als Regiearbeit Nr. 2 der erwartete Triumph, wurde Musiktheaterdeutung Nr. 3, Tschaikowskis „Pique Dame“ durch Provokationsveteran Hans Neuenfels, zum etwas überraschenden Erfolg. Der 77-jährige Altmeister legte 17 Jahre nach seinem letzten, heiß umstrittenen Einsatz bei den Festspielen eine minimalistische, stringente und beinahe klassische Deutung des Spielerwerks vor. Für den langen Applaus nicht zuletzt mitverantwortlich war allerdings auch das „Lady Macbeth von Mzensk“-Trio aus dem Vorjahr. Auf der Bühne waren wieder mit Brandon Jovanovich und Evgenia Muraveva zwei Kenner des russischen Fachs im Einsatz, und vor allem überzeugte Mariss Jansons im Graben bei seinem erst zweiten Operndirigat in Salzburg als präziser Röntgenanalytiker der Partitur. Die Kritik konstatierte Neuenfels wohlwollend „im Detail gepfefferte“ Altersmilde und freute sich.

Vom Publikum teils heftig ausgebuht, von der Kritik aber teils hymnisch gefeiert wurde Performanceveteran und Operndebütant Jan Lauwers für seine „L‘incoronazione di Poppea“. Die Monteverdi-Oper legte er als freies Spiel der Kräfte an, bei dem in eindrucksvoll angeordneter Impro-Manier geliebt, getanzt und gemordet wurde. Sonya Yoncheva und Kate Lindsey als durchtriebenes Liebespaar Poppea und Nerone trugen die Last des dramaturgischen Zusammenhalts mit großer stimmlicher Präsenz und düsterer Lüsternheit. William Christie zog sich vom Dirigentenpult genauso zurück, wie Jan Lauwers vom klassischen Regiesessel und ließ seine Alte Musik-Truppe Les Arts Florissants als Solisten-Combo aufspielen. Für manche war das zu wenig „Oper“. Die Kritik sah ein „Gesamtkunstwerk“, einen „interessant unbefriedigenden Abend“ oder gar ein „demokratisches Ereignis“.

Auf einer jubelnden Note, wenn auch nicht ganz so inbrünstig, ist der szenische Opernreigen auch zu Ende gegangen. Bei seinem Salzburger Festspieldebüt befüllte der polnische Regisseur Krzysztof Warlikowski die Felsenreitschule mit Hans Werner Henzes „The Bassarids“ - in einem klugen Raum-, aber keinem funktionierenden Deutungskonzept. Mord und Inzest, sexuelle Befreiung und kultische Ekstase werden in eher willkürlichen, altbekannten Bildern inszeniert, ähnlich wie bei Lauwers gibt es Tanz und nackte Haut, Sex als Machtinstrument und Grausamkeit als Befreiungsschlag - doch anders als bei Lauwers entsteht der Reiz dieser Eskapaden nicht vor unseren Augen im Hier und Jetzt, sondern kommt fast stereotypisch als anachronistische Idee der 1960er Jahre daher. Einhelligen Jubel gab es jedenfalls für Kent Nagano und die Wiener Philharmoniker, die mit einem wundersam musizierten Henze doch noch für den dionysischen Funken sorgten. Nicht zuletzt darf Dionysus Sean Panikkar als weitere stimmliche Entdeckung dieses Sommers gelten.

(S E R V I C E - www.salzburgerfestspiele.at)


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