Welterbe - Turbulenzen um Denkmalrat ICOMOS Austria

Wien (APA) - Die eine Seite spricht von einem „Super-Coup“, einer „Umfärbeaktion“ und einer „kompletten Spaltung“, die andere Seite sieht ei...

Wien (APA) - Die eine Seite spricht von einem „Super-Coup“, einer „Umfärbeaktion“ und einer „kompletten Spaltung“, die andere Seite sieht einen von mehreren Seiten gewünschten, demokratisch beschlossenen „Paradigmenwechsel“: Im Denkmalrat ICOMOS Austria, der die UNESCO in Sachen Welterbe berät, rumort es seit der Wahl der Architekturhistorikerin Caroline Jäger-Klein zur Präsidentin gewaltig.

Mitte März wurde die an der Technischen Universität (TU) Wien am Institut für Kunstgeschichte, Bauforschung und Denkmalpflege tätige Professorin Jäger-Klein in einer Generalversammlung des Gremiums als Nachfolgerin des langjährigen ICOMOS-Präsidenten Wilfried Lipp gewählt. Seither hat die 51-Jährige zahlreiche Schritte gesetzt, um einen Paradigmenwechsel zu vollziehen, wie sie im APA-Gespräch erläutert. Die langjährigen Vorstandsmitglieder Christoph Ferch, Andreas Lehne und Hans Haider, der den ICOMOS-Förderverein PICA leitet, üben nun scharfe Kritik am „Alleingang“ Jäger-Kleins, der seither stattgefunden habe.

Die neue Präsidentin habe „völlig eigenmächtig neue, auf ihre Interessen zugeschnittene Statuten“ verfasst und ICOMOS mit sich selbst als Präsidentin als Verein angemeldet. Die neue Rechtsform hätte laut einem der APA vorliegenden Rundbrief von PICA erst nach einem Votum der Mitgliederversammlung angestrebt werden sollen, die bis dato jedoch nicht stattgefunden hat. Jäger-Klein versteht die Aufregung hingegen nicht: „Der Präsident macht sich straffällig, wenn er nicht den Verein anmeldet. Ich habe deutlich vor meiner Wahl gesagt, dass das mein erster Weg sein wird. Und das habe ich gemacht.“ Sie sei mit einem Programm gewählt worden, „einen legalen Status herzustellen und ein objektives und lösungsorientiertes Monitoring zu schaffen“. Sie habe die Vorstandsmitglieder eingeladen, bei der Vereinsgründung mitzuwirken, diese hätten das jedoch abgelehnt.

Die Vereinsgründung sei unumgänglich und seit sechs Jahren diskutiert worden, so Jäger-Klein, da sowohl von ICOMOS International in Paris als auch vonseiten der Welterbekoordinationsstelle im Bundeskanzleramt die Schaffung von transparenten Strukturen gefordert worden sei. Der Denkmalrat ICOMOS Austria habe über keinerlei Rechtsform verfügt, als Adresse habe die Adresse des Präsidenten gedient. Subventionen seien über den Verein PICA (Verein zur Unterstützung von ICOMOS Austria zur Förderung und Erhaltung des Kulturerbes) abgewickelt worden. Eine Situation, die der Bund, der ICOMOS Austria in den vergangenen Jahren jeweils mit 25.000 Euro unterstützte, nicht mehr goutierte.

Den Wunsch der Subventionsgeber nach klaren Strukturen kann Andreas Lehne, der fast 30 Jahre bei ICOMOS wirkt und nun zweiter Vizepräsident ist, nachvollziehen. Allerdings hätte man sowohl von Landes- als auch von Bundesseite drauf gedrängt, künftig Konflikte und damit verbundene Negativ-Schlagzeilen zu vermeiden. Dies habe die neue Präsidentin auch zugesagt. Statt eines Watchdogs habe man daher nun mit Jäger-Klein einen Schoßhund. Politische Einflussnahme weist Jäger-Klein zurück: „Es gibt keine politische Einflussnahme: Das war nie der Fall, auch bei ‚ICOMOS alt‘ nicht.“ Auch deshalb habe man in Rücksprache mit ICOMOS International in Paris beschlossen, den Sitz am besten in eine Forschungseinrichtung zu verlegen, „weil ICOMOS dort am wenigsten infiltrierbar ist von politischer Seite“. Seit kurzem weist der Denkmalrat daher die TU Wien als Adresse aus - für die Kritiker eine klassische Unvereinbarkeit, ein Abrücken von den Bewahrern und ein Andocken bei den Machern: „Hier hat man den Bock zum Gärtner gemacht!“

„Wir sind derzeit Paris unterstellt. Mit einem österreichischen Verein hätte aber das Ministerium den vollen Zugriff auf uns“, sagte Ferch in Richtung Kulturressort, räumt aber ein: „Der Druck war klar da: Ihr kriegt keine Förderung mehr, wenn ihr nicht einen neuen Verein gründet.“ Dabei sei jedoch bisher auf die ordnungsgemäße Auflösung des PICA-Vereins und die Bestätigung der neuen Statuten durch eine Zweidrittelmehrheit der Mitgliederversammlung verzichtet worden. Zudem spricht man von einer „Zwangsmitgliedschaft“ im neuen Verein, ohne die man auch aus der internationalen Organisation sowie deren Fachgremien „eliminiert“ werde, wie es in dem Rundschreiben heißt.

„Nach der Wahl, bei der ich mit einer Stimme unterlegen bin und erster Vizepräsident wurde, haben wir sofort gemerkt: Man will uns nicht“, umreißt Christoph Ferch im APA-Gespräch die Stimmung. Während der alte Vorstand auf langsame, akkordierte und statutenmäßige Umstrukturierung drängte, setzt die neue Präsidentin einfach Fakten, ohne sich mit ihren Vizepräsidenten abzustimmen. Im Alleingang bestimmte Jäger-Klein einen neuen Kassier und strebt auch eine Verjüngung des Denkmalrats an. Dies stößt den früheren Vorständen auf: „Mit einem Schlag gehören alle Funktionäre des (überfallsartig und statutenwidrig) gegründeten Vereins einer jüngeren und jungen Generation an, die mitten in der Karriere steht in einem Fach, in welchem man privatwirtschaftlich nur durch Planungen und Gutachten Erlöse erzielt“, fürchtet man um die Unabhängigkeit. Dem widerspricht Jäger-Klein entschieden: „Das ist eine sehr kurzsichtige Ansicht. Wir haben 500 Professoren, manche davon haben Büros, andere nicht. Bei uns hat niemand eins, wir sind reine Wissenschafter. Wir haben nichts mit der Baubranche und Investoren zu tun.“

Ferch ist da kritisch: „ICOMOS ist den Decisions der UNESCO verpflichtet. Die Aufgabe ist, diese zu vertreten, nicht sie aufzuweichen.“ Genau dies geschehe jetzt jedoch. „Mit ihrer Erklärung, beim Heumarkt-Projekt könne man nichts mehr machen, ist Jäger-Klein allen, die auf die UNESCO gesetzt haben, in den Rücken gefallen“, so der Vizepräsident. Jäger-Klein sieht die Causa anders: „Unsere Aufgabe beim Heumarkt ist im Prinzip seit 2012 abgeschlossen, in dem Mission-Report von damals steht alles drin. Die Position ist seither völlig unverändert.“

Das Fass zum Überlaufen und die Kommunikation zwischen Jäger-Klein und dem Vorstand des alten Vereins zum Erliegen hat jenes Gutachten gebracht, das ICOMOS unter Jäger-Kleins Ägide in Bezug auf das Palais Schwarzenberg erstellt hat. Jäger-Klein habe kurz nach ihrer Wahl die für die Beobachtung des Welterbes zuständigen Personen („Monitore“) für Wien ausgetauscht und die ursprüngliche ICOMOS-Position ins Gegenteil verkehrt, lautet der Vorwurf. Lehne macht dafür Jäger-Kleins Naheverhältnis zur Firma Hoppe verantwortlich, die für den geplanten Umbau verantwortlich zeichnet und bei der Jäger-Klein früher gearbeitet habe. „Jeder von uns hat mal irgendwo gearbeitet“, entgegnet die Präsidentin. Sie habe dort bis 1999 gearbeitet, aber „damals gab es das Projekt ja noch nicht“. In Bezug auf das Gutachten zum Palais Schwarzenberg sei sie „draufgekommen, dass die zuständigen Monitore bei ICOMOS Österreich alt sich einfach der Meinung einer Bürgerinitiative angeschlossen hat. Wenn wir Experten sind, müssen wir objektiv überprüfen. Das haben wir dann gemacht.“ Der vielfach adaptierte Plan für einen Gastronomie-Betrieb im sogenannten Belvedere-Stöckl widerspreche in seiner Letztfassung keinen Auflagen.

Wie es nun weitergehen soll, darüber gehen die Meinungen auseinander. Ferch will im Herbst bei ICOMOS International in Paris vorsprechen, um dort laut Rundschreiben „sowohl den mit den Aktionen von Frau Jäger-Klein begonnenen Paradigmenwechsel im Nationalkomitee als auch die Einmischung einer Regierungspartei in die Gestionen der nationalen Arbeitsgruppe (...) zu dokumentieren“. ICOMOS International hat den Verein allerdings im Juni als offizielles österreichisches Komitee anerkannt - für Ferch nur mit einem Informationsdefizit über die laufenden Kalamitäten erklärbar. Die „sehr gut vorbereitete Umfärbeaktion - vom Erhalten zum Weiterbauen“ will man sich nicht widerstandslos gefallen lassen. Das alte Komitee hat Jäger-Kleins Mitgliedschaft in einem Vorstandsbeschluss auf drei Jahre ruhend gestellt, der Verein PICA will weiterarbeiten und suchte beim BKA um die Jahressubvention für 2018 an.

Für Jäger-Klein gibt es hingegen keinen Weg zurück, „ob sanft oder nicht“. Für sie geht es jetzt darum, wissenschaftsbasiert zu arbeiten und künftig vorab Richtlinien für welterbekonformes Bauen zu erarbeiten und nicht erst „im Nachhinein zu schreien“. Im Interview mit der APA macht sie deutlich, dass sie der verbissene Widerstand der Mitstreiter von einst nur wenig tangiert: „Wenn man nur im eigenen Saft kocht, sieht man gewisse Dinge nicht. Internationale Richtlinien können nur auf internationalen Konferenzen erarbeitet werden. Die Welt hat sich einfach weitergedreht.“

~ WEB http://www.unesco.org/new/en/ ~ APA348 2018-08-17/16:20


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