Nell Zink im Interview: Der Gegenentwurf zum alten Leben

Die Schriftstellerin Nell Zink offenbart in ihrem Roman „Nikotin“ die weniger glamourösen Seiten der amerikanischen Gesellschaft. Ein Gespräch über alternative Lebenskonzepte und über die 68er-Bewegung.

Humorvoll erzählt die 1964 in Kalifornien geborene Autorin Nell Zink von gescheiterten Existenzen und verworrenen Familienverhältnissen.
© Tamerl

Berlin – In dem Bohemian-Kaffeehaus in Berlin-Mitte ist es fast unmöglich, ein Getränk zu bestellen. Die Kellnerinnen sind vom Besucheransturm so überfordert, dass sich auf allen Tischen benütztes Geschirr und zerknüllte Rechnungen stapeln. Die TT hat in diesem Chaos die amerikanische Schriftstellerin Nell Zink getroffen, die in ihrem Roman „Nikotin“ (Rowohlt) das verrückte Leben junger Hausbesetzer in Jersey City beschreibt. Das ungeordnete Umfeld des Lokals passt wie angegossen zum Thema dieses Romans, denn auch Nell Zinks Figuren gelingt es nicht, Ordnung in ihr Leben zu bringen.

Sie leben seit einigen Jahren in Deutschland. Wie kam es dazu?

Nell Zink: Ich bin 1983 im Sommer durch Deutschland getrampt und habe in der Gegend von Tübingen Leute kennen gelernt. Diese Freunde habe ich immer in den Wintermonaten besucht, denn im Sommer musste ich Geld für die Reise verdienen. Dafür habe ich sogar auf Baustellen gearbeitet. Es hat über ein Jahrzehnt gedauert, bis ich Deutschland dann endlich im Sommer zu sehen bekam.

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Zink: Ich habe zunächst Spanisch gelernt, aber bald bemerkt, dass ich bei den spanischen Schriftstellern nicht das finde, was ich suche. Die deutschen Studenten, bei denen ich wohnen durfte, haben mir beigebracht, Kafka und Musil zu lesen. Robert Walser ist für mich außerdem ein wichtiger Bezugspunkt, vielleicht weil er in einem Irrenhaus starb und ich immer dachte: So wird auch meine Karriere einmal aussehen. (lacht) Er war also mein Vorbild, im Guten wie im Schlechten. Im Jahr 2000 bin ich dann ganz nach Tübingen gezogen.

Sie haben Amerika also den Rücken gekehrt?

Zink: Seit meine Eltern gestorben sind, reise ich nicht mehr so oft in die USA, aber ich bin regelmäßig dort auf Lesereise. Es bedeutet mir sehr viel, am intellektuellen Leben in New York teilzunehmen.

Derzeit leben Sie in Bad Belzig, einem kleinen Dorf in Brandenburg.

Zink: Ja, es ist zwar ein kleines Dorf, aber es gibt eine gute Infrastruktur. Es war früher eine Stasi-Hochburg und noch immer leben viele Polizisten dort. Überraschenderweise gibt es auch eine Kommune. Das sind richtige Hippies, die freie Liebe leben und ein Ökodorf betreiben. Weil sie da sind, falle ich als alleinstehende Frau nicht so auf. Ich kann in Ruhe schreiben.

Ihr Roman „Nikotin“ ist in der Hausbesetzer-Szene angesiedelt. War diese Kommune eine Inspirationsquelle?

Zink: Nein, diese Gemeinschaft in Bad Belzig ist viel ambitionierter. Mein Roman basiert auf dem amerikanischen Modell, wo besetzte Häuser eher ein Sammelbecken für Leute sind, die es auch im zweiten und dritten Anlauf am Arbeitsmarkt nicht geschafft haben und damit gänzlich aus dem gesellschaftlichen Raster hinausfallen.

Warum hat Sie die Hausbesetzerszene so interessiert, dass Sie darüber einen Roman geschrieben haben?

Zink: Mich fasziniert hier der bewusste Versuch, glücklich zu werden. Die Hausbesetzer streben eine Utopie an, auch wenn keine zwei davon sich einig werden, was für eine.

Wie stehen Sie zur 68er-Bewegung, die ja in den USA ihren Anfang genommen hat?

Zink: Es kommt darauf an, wie man die 68er definiert. Es ging ja nicht nur um sexuelle Befreiung, sondern es war auch ein großer Moment für die Gewerkschaften und für die Frauenbewegung. Das radikale Hinterfragen von traditionellen Familienstrukturen erscheint mir oft etwas naiv, weil jeder letztlich weiß, dass diese Strukturen nur scheinbar funktionieren und jede zweite Ehe ohnehin geschieden wird. Die 68er-Bewegung war vor allem ein Befreiungsschlag für die Frauen. Endlich gab es effektive Verhütungsmittel.

Die Hauptfigur in Ihrem Roman ist die junge Penny. Ihre Familienverhältnisse sind verworren und nach dem Tod ihres Vaters erbt sie ein heruntergekommenes Haus. Sie muss feststellen, dass es besetzt ist, findet daran aber Gefallen und zieht schließlich dort ein. Werden die Hausbesetzer zu ihrer neuen Familie?

Zink: Darf man die Wahlfamilie noch „Familie“ nennen? Familie sind eher diejenigen, die man niemals loswird. Ihr Bruder bleibt ihr Bruder, ihr Vater bleibt tot, aber sie findet einen Partner, den sie jederzeit verlassen und vergessen darf! Ist das Familie? Wohl eher nicht.

Einer Ihrer größten Förderer ist Star-Autor Jonathan Franzen („Die Korrekturen“). Wie würden Sie Ihr Verhältnis zu ihm beschreiben?

Zink: Ich würde sagen, wir vertrauen einander. Durch seine Unterstützung konnte ich mich als Schriftstellerin etablieren. Ohne ihn würde ich noch immer für mich selbst schreiben und wäre gezwungen, uninteressante Arbeiten anzunehmen.

Das Gespräch führte Gerlinde Tamerl

Lustvolle Begegnung mit Anarchisten

Wer in Nell Zinks Roman eintaucht, begegnet Penny Baker, ihrer skurrilen Familie und einem Haufen verrückter Hausbesetzer mit einer Vision. Dieses Setting erweist sich als bewusstseinserweiternder Ausflug in eine ziemlich unkonventionelle Welt. Dabei weiß die Autorin nicht nur mit einer eigenwilligen, weil völlig unberechbaren Sprache zu überzeugen. Kettenrauchend stürzen sich Zinks Figuren in ein Leben voller amouröser Abenteuer, die so realitätsnah erzählt sind, dass man diese lebenshungrigen Freaks morgens am eigenen Küchentisch schmerzlich vermisst. (geta)

Roman Nell Zink: Nikotin. Aus dem Amerikanischen von Michael Kellner. Rowohlt, 400 Seiten, 22,95 Euro.


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