Das Gesicht einer Fremden: Katies (22) Weg zurück ins Leben

Mit 18 Jahren verlor sie ihr Gesicht – drei Jahre später bekam sie ein neues. Katie Stubblefield ist die jüngste Empfängerin eines transplantierten Gesichts in der Geschichte. Ihre eigene hat das Magazin „National Geographic“ jetzt dokumentiert.

Zwei Gesichter, eine Frau: Links ist Katie Stubblefield 17 – acht Monate vor ihrer Selbstverletzung. Rechts ist Katie 22 – 13 Monate nach ihrer Gesichtstransplantation.
© National Geographic

Von Tamara Stocker

Cleveland — Schlucken, essen, sprechen. Gefühle zeigen. Das muss Katie Stubblefield (21) erst wieder lernen. Und auch der Blick in den Spiegel erfordert Mut. Denn was Katie dort sieht, ist das Antlitz einer Fremden.

Im Alter von 18 Jahren überlebt die Amerikanerin einen Selbstmordversuch, der ihr Gesicht schwer entstellt zurücklässt. Drei Jahre später erhält Katie jenes einer 31-jährigen Spenderin, die drei Tage zuvor gestorben war. Nie zuvor wurde einer so jungen Patientin ein vollständiges Gesicht transplantiert. 31 Stunden dauert die medizinisch und auch psychisch hoch riskante Mammutoperation.

Erinnerungen ausgelöscht

Ein Jahr ist seither vergangen. Die mittlerweile 22-Jährige erhole sich gut, sagen die Ärzte der Cleveland Clinic im US-Bundesstaat Ohio. Die junge Frau will ihre Erfahrungen nun nutzen, um anderen zu helfen. Das Magazin „National Geographic" hat Katie zwei Jahre lang begleitet und widmet sich in seiner neuen Ausgabe (September) ihrer langen Reise. „Die Geschichte eines Gesichts" steht auf der Titelseite groß geschrieben.

Katies schwer entstelltes Gesicht vor der Operation.
© Cleveland Clinic

Diese beginnt im Jahr 2014, an das sie sich heute nicht mehr erinnern kann. Nach zwei Umzügen fühlt sich die Abschlussklässlerin in ihrer neuen Schule nicht willkommen. Nach einer chronischen Entzündung der Magenschleimhaut muss ihr nach dem Blinddarm auch die Gallenblase entfernt werden. Als ihre Mutter arbeitslos wird und Katies Beziehung zu Bruch geht, fasst sie einen folgenschweren Entschluss. Sie will nicht mehr leben.

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Die Jugendliche überlebt den Suizidversuch. Schwere Schäden an Nase, Nasennebenhöhlen, Stirn, Mund und Kiefer aber bleiben. Katies Gesicht ist komplett entstellt, ihr Augenlicht beschädigt. „Vergesst die Gesichtstransplantation; es ging zunächst ums blanke Überleben", wird Katies Arzt Brian Gastman im Artikel zitiert. Eine schlimmere Gesichtsverletzung habe er noch nie zuvor gesehen.

Dem „National Geographic" sagt Katie, sie könne sich an den Vorfall nicht mehr erinnern. Erst als sie im Krankenhaus aufwacht, erzählen ihr ihre Eltern davon. „Niemals hätte ich geglaubt, so etwas Schreckliches tun zu können. Ich wusste nicht, wie ich damit umgehen soll. Ich fühlte mich so schuldig, meiner Familie solche Schmerzen zugefügt zu haben."

Von Risiken, Chancen und Entscheidungen

Das restliche Jahr ist geprägt von unzähligen Operationen. Die Ärzte wollen Katies Gesicht so gut wie möglich rekonstruieren. Dafür wird ihr mehrmals Gewebe aus den Beinen transplantiert. Aber all die Bemühungen führten nicht zum erhofften Erfolg. Die junge Frau selbst hat ihr entstelltes Gesicht nie gesehen. Sie nannte es „Shrek".

Dann zieht Katies Arzt Gastman eine vollständige Gesichtstransplantation in Erwägung. Ein besonders schwerwiegender Eingriff, bei dem einem toten Spender das Gesicht mit allen Nerven und Gefäßen abgenommen und dem Empfänger verpflanzt wird.

Katie muss sich in der Folge psychiatrischen und sozialen Tests unterziehen, um sicherzustellen, dass sie eine geeignete Kandidatin ist. Sie wird über die Gefahren aufgeklärt, denn ihr Immunsystem könnte das Gewebe auch abstoßen. Die Operation wird als „Experiment" deklariert — aber Katie trifft eine Entscheidung. Gegen die Risiken. Für die Chancen.

Fühlen, aber nur eingeschränkt sehen

Am 4. Mai 2017 ist es dann soweit. Auf dem Tablett im Operationsraum liegt das Gesicht einer 31-jährigen Frau, die wenige Tage zuvor an einer Überdosis Drogen gestorben war. Ihre Großmutter entschied, das Gesicht ihrer Enkelin zur Transplantation freizugeben. Sie wird die Spenderin für Katie, die seit März 2016 auf einer Warteliste für ein neues Gesicht eingetragen ist.

Dem erfahrenen Ärzteteam gelingt es, 100 Prozent von Katies Gesichtsgewebe zu ersetzen. „Ich kann jetzt mein Gesicht berühren und es fühlt sich unglaublich an", sagte Katie „National Geographic". Ihre Sehkraft können die Chirurgen allerdings nicht in jener Intensität wiederherstellen, wie gewünscht. Katies Eltern setzen ihre Hoffnungen in eine Augentransplantation „in naher bis ferner Zukunft".

Ein Jahr und einen Tag vor der Transplantation liegen Katie und ihre Eltern, Robb und Alesia Stubblefield, in einem Park in der Nähe der Klinik in Cleveland und machen ein Nickerchen.
© Maggie Steber/National Geographi

Katie will etwas zurückgeben

Erst muss sich Katie an ihr neues Leben gewöhnen. Seit dem Eingriff waren mehrere Folgeoperationen nötig. Sie hat noch Schwierigkeiten, deutlich zu sprechen. Auch ihr Lächeln will die junge Frau wieder zeigen können. Aber nicht nur physisch, auch in der Psyche kann der Eingriff seine Spuren hinterlassen — schließlich ist das Gesicht zentral für die Identität. Doch die Ärzte sind zuversichtlich, dass es mit dem Heilungsprozess mehr und mehr ein Teil von ihr wird.

Katie wird ihr ganzes Leben Medikamente nehmen, die das Risiko eindämmen sollen, dass ihr neues Gesicht vom Körper abgestoßen wird. Außerdem macht sie weiterhin Physiotherapie, Beschäftigungstherapie, arbeitet mit einem Sprachtherapeuten und erlernt die Blindenschrift.

Ihre zweite Chance will die 22-Jährige nutzen. Katie plant, online zu studieren, um vielleicht Beraterin und Motivations-Sprecherin zu werden. Sie will Gutes tun. Mit Jugendlichen über Suizidprävention und den Wert des Lebens sprechen. Ihr Wunsch: „So viele Menschen haben mir geholfen. Jetzt möchte ich anderen Menschen helfen."

Hier finden Sie Hilfe

Wenn Sie oder eine Ihnen nahestehende Person von Suizidgedanken betroffen sind, wenden Sie sich bitte an die Telefon-Seelsorge unter der kostenlosen Telefonnummer 142 (Österreich), 08 00/ 11 10 - 111 (Deutschland), 143 (Schweiz). Hier erreichen Sie Menschen, die Ihnen die Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen können. | http://www.telefonseelsorge.at/


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