Salzburger Festspiele - Schauspielbilanz: Antike Größe und ein Coup

Salzburg (APA) - Es wurde der programmierte Parcours der Vielfalt, den Schauspielchefin Bettina Hering versprochen hatte. Doch nicht die Reg...

Salzburg (APA) - Es wurde der programmierte Parcours der Vielfalt, den Schauspielchefin Bettina Hering versprochen hatte. Doch nicht die Regisseure Johan Simons, Frank Castorf, Dusan David Parizek und Ulrich Rasche drückten dem heurigen Theaterprogramm der Salzburger Festspiele den Stempel auf, sondern ein Schauspieler, der ursprünglich gar nicht am Besetzungszettel stand: Jedermann-Einspringer Philipp Hochmair.

Dass der Tausendsassa innerhalb von 30 Stunden für den an Lungenentzündung erkrankten Original-Hauptdarsteller Tobias Moretti einsprang, war ein nahezu singuläres Ereignis (nur 1932 musste ebenfalls kurzfristig Ersatz für den vor Gott gerufenen reichen Mann gefunden werden) und ein Teufelsritt, der ganz überschattete, wie viel sich in der nochmaligen dreiwöchigen Probenzeit für die im Vorjahr viel gescholtene Inszenierung von Michael Sturminger geändert hatte. Deutlich näher am Original und in ihrer Gesamtwirkung schlüssiger präsentierte sich Hofmannsthals Traditionsstück. War die Kritik großteils wohlwollend, überschlug sich die Begeisterung wenige Tage später für den Coup Hochmairs. Dass dieser fünf Aufführungen lang unter großem Jubel einen gänzlich anderen, deutlich exaltierteren, deutlich zupackenderen Jedermann ins Zentrum des penibel erarbeiteten Geschehens stellte, führte das Wunder Theater ebenso vor Augen wie seine Austauschbarkeit.

Nicht mit dramaturgischer Stringenz, sondern mit dem Anspruch auf größtmögliche Vielfalt der Regiehandschriften waren die vier Neuinszenierungen ins Rennen gegangen. In ihrem Umgang mit der Antike waren die Resultate deutlich überzeugender als im Versuch, zwei Romane als Theaterstoff zu gewinnen. Wobei im Einzelnen kein Zugriff dem anderen glich.

Auf ein Duett und Duell zwischen Penthesilea und Achilles hatte Johan Simons Kleists Trauerspiel „Penthesilea“ reduziert. Sandra Hüller und Jens Harzer umkreisten einander auf der Landestheater-Bühne wie Sportler einer fremden asiatischen Kampfsportart, die Amazonenkönigin und der griechische Kriegsheld traten mit bloßen Händen, nackter Haut und geschliffener Sprache gegeneinander an. Die zeitlose Mischung aus Muskelspiel und Paarungstanz, aus Küssen, Necken und Beißen, kam bei Publikum wie Presse gleichermaßen gut an. „So schlicht wie grandios“ und „ein großer Wurf“, lauteten Urteile der Kritiker, die ein „Experimentierfeld über die Elastizität von Geschlechterrollen“ und „ein doppeltes Hochfest“ orteten, „für Kleists Poesie und die Schauspielkunst“.

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Die Schauspielkünstlerinnen Patrycia Ziolkowska, Katja Bürkle und Valery Tscheplanowa durften bei Ulrich Rasche im Landestheater zwar auch ganz nahe vor die Zuschauer treten, das enge Regie-Korsett nahm ihnen jedoch Bewegungsfreiheit. Denn anders als bei Simons richtet der deutsche Regisseur bei seinem Erfolgsläufen durch die Theaterlandschaft den zentralen Blick nicht auf den Einzelnen, sondern auf das Kollektiv. „Die Perser“ des Aischylos konfrontierten in Rasches Zugriff mit einem gigantischen Aufwand an Mensch und Material, Überwältigungstheater auf der Höhe der Zeit. Zwei riesige bewegliche Scheiben brachten das Haus zum Rotieren und führten in grandiosen Bildern und chorischer Sprache den Schrecken des Krieges vor Augen. Die letzte Schauspielpremiere war von Aufwand und Wirkung wohl mit Abstand die eindrucksvollste.

Das liegt auch daran, dass Frank Castorf auf der Halleiner Perner-Insel zwar auch ein veritables Großereignis auf die Bühne stemmte, sich dabei aber allzu sehr auf bewährte Rezepte verließ. Die drehbare Kulissenlandschaft aus Holzhäusern und Hinterhöfen, Baracken, Geschäften und Dachkammern, die Aleksandar Denic in der Salinenhalle aufbaute, war zwar erneut ebenso sehenswert wie der Totaleinsatz seiner verschworenen Truppe rund um Ex-Volksbühnen-Stars Kathrin Angerer, Sophie Rois und Marc Hosemann. Für die NS-Affinität von Hitler-Bewunderer Knut Hamsun (1859-1952) und der Norweger insgesamt interessierte sich der Regie-Altmeister allerdings deutlich mehr als für Hamsuns Romane „Hunger“ und „Mysterien“. Wie stets bei Castorf schieden sich bei Besuchern und Kritikern die Geister. Die Urteile über den Sechsstünder reichten von „ein langer und zäher Abend, der von schauspielerischen Stern-Minuten lebt“, über „eine ausschweifende, szenisch vielgängige Castorf-Völlerei“ bis zu „eine famose Abrechnung mit Europa“.

Deutlich schmälere Kost servierte Dusan David Parizek im republic. Der Roman „Kommt ein Pferd in die Bar“ von David Grossman schildert die Selbstzerfleischung eines Stand-Up-Comedians, der in seiner möglicherweise letzten Vorstellung vor den Augen eines herbeigebetenen alten Freundes zur Abrechnung mit sich selbst antritt. Für Parizek, dessen Inszenierung ab 5. September im Akademietheater zu sehen sein wird, war das eine nur scheinbar kleine Geschichte, die auf ganz Großes zielt: private und politische Tragödien, die Funktion von Humor und Theater, das Scheitern von Lebensentwürfen und Kunstansprüchen. Assistiert von Mavie Hörbiger als großäugige Echo-Figur, die den zynischen Kauz an den „guten Jungen“ von einst erinnert, brillierte Samuel Finzi als Dovele Grinstein vor allem in der fulminanten Erinnerung an den Wendepunkt seines Lebens - die tragikomische Fahrt im Militärjeep, mit dem der damals 14-Jährige von einem Jugendcamp in der Wüste zum Begräbnis eines Elternteils gefahren wurde, im Unklaren darüber, ob nun Vater oder Mutter beerdigt werde. Vielen Kritikern war dies zu wenig. Dem Regisseur sei „szenisch kaum etwas eingefallen“, der Verzicht auf die Erzählerfigur des Romans, an die sich Doveles Spiel eigentlich richtet, sei eine große dramaturgische Schwäche bei der Umsetzung, die „insgesamt einer Pointe, die nicht recht zünden will“, gleiche. Immerhin: Finzis Leistung in diesem Nahezu-Solo wurde überall gewürdigt.

Große Schauspielkunst, spannende Regie-Handschriften - Bettina Hering hat in ihrem zweiten Salzburg-Jahr geliefert, was sie versprochen hatte. Das ist nicht wenig. Wenn jetzt noch kontroversielle Stoffe, aufregende Stück-Neuentdeckungen, mehr literarische Zeitgenossenschaft dazu kommen, steht dem ungetrübten Theaterglück im Hinblick auf das Jubiläums-Jahr 2020 nichts mehr im Wege.


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