Der Klang des Krieges

Begeisterte Zustimmung zu Ulrich Rasches Inszenierung von Aischylos Drama „Die Perser“ bei den Salzburger Festspielen.

Krieg als gigantisches Bühnentier: „Die Perser“ (im Bild der Chor) war die letzte Schauspielpremiere der heurigen Salzburger Festspiele.Foto: Uhlig

Von Bernadette Lietzow

Salzburg – Eine Bemerkung vorweg: Die Verwendung der vor Beginn der Vorstellung fürsorglich ausgegebenen Stöpsel ist wahrscheinlich nur bei ganz empfindlichen Ohren nötig. Die Lautstärke des Abends ist Programm und Ari Benjamin Meyers’ phantastische Bühnenmusik konstituierendes Element einer alle Sinne und Hirnwindungen ansprechenden Interpretation des „ältesten Theaterstückes der Welt“, als das Aischylos Tragödie „Die Perser“, uraufgeführt 472 v. Chr., gerne bezeichnet wird.

Als letztes Schauspiel-Projekt der diesjährigen Salzburger Festspiele tobt nun über vier Stunden der fatale Krieg, den der machthungrige persische Herrscher Xerxes gegen die Griechen führt, gipfelnd in der grausamen Seeschlacht von Salamis.

Mit Spannung und einiger Skepsis wurde die Premiere vom vergangenen Samstag erwartet, geendet hat sie mit dem Jubel des – verbliebenen – Publikums.

Der vielfach ausgezeichnete deutsche Regisseur und Bühnenbildner Ulrich Rasche scheut in seinen Arbeiten nicht den großen Entwurf. Für seine häufig chorisch geprägten Inszenierungen baut er mit gewandter Akribie hochtechnische „Maschinen-Räume“, in denen, wie nun bei „Die Perser“, Schauspieler, Sänger und Musiker als ein gigantisches Bühnentier agieren.

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Zwei voluminöse Drehscheiben dominieren den Bühnenraum des neobarocken Salzburger Landestheaters, dabei kragt die vordere weit in den Zuschauerraum. Sie ist Heimstatt des mit Valery Tscheplanowa und Katja Bürkle weiblichen persischen Ältestenrates und von Xerxes’ Mutter Atossa (Patrycia Ziolkowska). Auf der rückwärtigen Scheibe, die hydraulisch fast in senkrechte Position gebracht werden kann, bildet sich das Kriegsgeschehen ab.

Martialisch sind sie anzusehen, diese jungen, anfänglich siegessicheren Soldaten, wenn sie sich im Takt des Feldzugs über die rotierende Fläche bewegen. Videoaufnahmen ihrer Gesichter geben Auskunft über Naivität wie Erbarmungslosigkeit, die sie so gewiss in die Schlacht ziehen lässt. Rasches Streben ist es, einen Rhythmus des Grauens zu entwickeln: Die ständig präsente live gespielte Musik, dumpfe Tongebäude zwischen Elektronik, Minimal und Ahnungen frühbarocker Klänge, geht mit den Bewegungen der Darsteller und deren chorischem Vortrag eine bedingungslose Allianz ein.

Dabei entstehen Bilder von großer Mächtigkeit, die nicht eitlem Selbstzweck, sondern der Hinterfragung einer Katastrophe, der Illustration von Schmerz und Verlust dienen. Es sind die, im Übrigen brillant besetzten, Frauen, die der Verzweiflung starken Ausdruck verleihen – sie begreifen den Krieg als Zerstörer ihrer Gemeinschaft. Geschlagen kommen die Überlebenden des großen Schlachtens zurück, die Klage des Xerxes (verkörpert von Max Bretschneider, Johannes Nussbaum und Torsten Flassig) ist Spiegel seiner Schuld am Untergang seines Volkes und nicht zuletzt Warnung an uns Heutige.

Beigewohnt hat man mit dieser in Koproduktion mit dem Schauspiel Frankfurt entstandenen Produktion einem denkwürdigen Abend – künstlerisch überzeugend und mit langem Nachhall.


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