Heimat zwischen Kontrasten: Anton Badingers „Zwei unter einem Schirm“

Wien (APA) - Zwei sehr verschiedene Frauen stehen im Zentrum des Debütromans des 1969 in Salzburg geborenen Autors Anton Badinger. In Person...

Wien (APA) - Zwei sehr verschiedene Frauen stehen im Zentrum des Debütromans des 1969 in Salzburg geborenen Autors Anton Badinger. In Person der unglücklich verliebten Buchhalterin Lotta und der Muslima Gülcan lässt er in seinem Entwicklungsroman zwei Kulturen aufeinanderprallen. Die Geschichte über das Auf und Ab im Leben, über Emanzipation und Selbstfindung lebt von Gegensätzen, ist aber zu lang geraten.

Die an Materiellem interessierte Wienerin Lotta ist heimlich in den Trafikanten und Ex-Spekulanten Konrad verliebt. Darum kauft sie jede Woche ein Lotterielos bei ihm. Als sie aber den Hauptgewinn macht und sich eine renovierungsbedürftige Villa kauft, muss sie rasch feststellen, dass Geld nicht glücklich macht, dafür viele falsche Freunde bringt. Die gläubige Muslima Gülcan aus Istanbul, die Touristenführerin werden will, flieht aus ihrer Ehe in Salzburg, in der sie nur als Arbeitskraft im „Süper Chicken“-Imbiss zählt. Ganze 310 Seiten braucht Badinger, um die ungleichen Frauen aufeinandertreffen zu lassen. „Ich weiß jetzt, dass Allah dich geschickt hat“, sagt Gülcan - und man wünschte, er hätte es eher getan, zumal sich bei den beiden parallel verlaufenden Erzählsträngen der Frauen rasch erahnen lässt, worauf es hinauslaufen wird.

Während sich die freiheitsliebende, selbstzweiflerische Gülcan am Glauben aufrichtet, wählt Lotta ungezügelte Lebenslust, Alkohol und Flunkereien, um mit Rückschlägen fertig zu werden. Gülcans Verwurzelung in Tradition und Familie, die sie zu ersticken drohen, stehen Lottas entfremdete Familie und Heimatlosigkeit gegenüber. Während Gülcan sich mit Ehemann und Schwiegereltern eine kleine Wohnung teilen muss, lebt Lotta allein in einer Stadtvilla, bis Gülcan samt ihrem Glückbringer, einem roten Schirm, als zu ihr zieht und sich das Blatt wendet.

Badinger, der als Grafiker arbeitet und zu den Gewinnern des Ö1 Literaturwettbewerbs 2017 zählte, hat auch noch neidische Arbeitskollegen, einen untreuen Chef, oberflächliche it-Girls, konservative türkische Eltern, eine kontrollierende Schwiegermutter und den gewalttätigen berechnenden Ehemann Cemil hineingepackt. Wo Monster sein könnten, sieht Badinger nur Menschen, die eben irgendwie nicht aus ihrer Haut können. Er gewährt dem Leser Einblick in das Innenleben seiner auf den ersten Blick klischeehaften Figuren, so versucht etwa Cemil in seiner Hilflosigkeit lediglich, mit Gewalt die verloren gegangene Ordnung wiederherzustellen. Die Lebenswelt der österreichischen Muslime, irgendwo zwischen anatolischen Traditionen und der modernen Welt, wird im Roman sehr gut begreiflich.

Den beiden Frauen sind mit Cemil und Konrad zwei Extrempole beigegeben: Der in Traditionen verhaftete Cemil und der gescheiterte, psychisch kranke Börsenmakler Konrad landen beide zunächst im Unglück. Ein Happy End bekommt nur, wer sich auf den Weg zu sich selbst macht. Der Islam, verstanden als Religion, nicht als ideologischer Unterbau für Terroristen, bildet in Badingers konsumkritischem Roman einen moralischen Kompass. Überwindet man seine Vorurteile und erweist einander Respekt, so ist ein friedliches Zusammenleben möglich und man kann voneinander lernen, so die Aussage des wohl auch vor der Folie der Flüchtlingsbewegung geschriebenen Buchs. Die Geschichte, die sich über 480 Seiten erstreckt, franst allerdings stark aus und findet nur schwer ein Ende.

(S E R V IC E - Anton Badinger: „Zwei unter einem Schirm“, Deuticke Verlag, 480 Seiten. 18,50 Euro)


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