„Prager Frühling“- Historiker: Große Sympathie für Flüchtlinge damals

Prag/Wien (APA) - Als Panzer vor 50 Jahren in der Nacht von 20. auf den 21. August 1968 die Reformbewegung „Prager Frühling“ niederwalzten u...

Prag/Wien (APA) - Als Panzer vor 50 Jahren in der Nacht von 20. auf den 21. August 1968 die Reformbewegung „Prager Frühling“ niederwalzten und 162.000 Tschechen und Slowaken nach Österreich flüchteten, wurden diese hierzulande mit offenen Armen empfangen. Die Flüchtlinge „sind in Österreich mit großer Sympathie aufgenommen worden“, berichtet der niederösterreichische Historiker Niklas Perzi im Gespräch mit der APA.

Die Aufnahme der Menschen war laut Perzi „entgegen der Ressentiments, die es ja immer zwischen Österreichern und Tschechen gegeben hat, erstaunlich positiv“. Das Verhalten der Österreicher stand „geradezu dieser Tradition der Ressentiments und der Stereotypen entgegen“. Dass die Sympathien so groß waren, könnte auch damit zusammenhängen, dass Russen in der österreichischen Bevölkerung damals nicht sehr beliebt waren. Nach dem Ungarn-Aufstand 1956 war der Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen in der früheren Tschechoslowakei die „zweite Bestätigung für die antirussische Einstellung“ der Menschen, so Perzi.

„Man darf nicht vergessen, die Tschechen und Slowaken konnten damals nur nach Österreich flüchten.“ Mit Deutschland - der BRD - wurden keine diplomatischen Beziehungen gepflegt. Diese waren auch mit Österreich eingeschränkt, weil es nur eine Gesandtschaft gab und keine Botschaft.

Der Leiter der Gesandtschaft in Prag, der spätere Bundespräsident Rudolf Kirchschläger hatte zigtausende Visa ausgestellt und den Menschen so zur Flucht verholfen. Die „Frage war damals auch, dass da eben auch die Infiltration durch sowjetische Geheimagenten erfolgen kann“, erzählte Perzi. Nach 1968 habe sowohl der amerikanische als auch der sowjetischen Geheimdienst versucht, unter den tschechischen und slowakischen Emigranten Spitzel anzuwerben. „Die waren da recht aktiv in Österreich. Das ist eh bekannt, dass Österreich ein Tummelplatz der Geheimdienste war.“

Die meisten Tschechen und Slowakei seien dann, als sich die Situation in ihrem Heimatland beruhigt habe, wieder in die Tschechoslowakei zurückgekehrt. „Es gab auch keinerlei Strafmaßnahmen für Leute, die kurzfristig geflüchtet sind. Sie wurden eingeladen zur Rückkehr. Die meisten haben es dann auch gemacht.“ Von den 162.000 Geflüchteten seien nur 10.000 in Österreich verblieben.

Beim Einmarsch selbst seien die meisten Soldaten Sowjets gewesen. Auch Bulgaren, Polen und Ungarn befanden sich unter den mindestens 600.000 Soldaten. Aber keine Deutschen - „auf ausdrücklichen Wunsch der Prager Einmarschbefürworter waren keinen DDR-Soldaten dabei. Die wollten schon, durften sich aber nicht beteiligen.“

Dass sich die österreichische Politik 1968 zurückhaltend verhielt, kann Perzi nachvollziehen. „Als neutrales Land, was hätte sie tun sollen? Alle haben sich rausgehalten. Alle haben sich an Jalta gehalten. Auch die Amerikaner und ihre Verbündeten“, so der Historiker unter Berufung auf die Konferenz 1945 zur Aufteilung Europas. „Das einzige, was dann später von der Grenzbevölkerung der österreichischen Bundesregierung angelastet wurde, ist, dass sie das Bundesheer nicht wie 1956 bei Ungarn direkt an der Grenze stationiert hat, sondern dass sie es zurückhalten musste - 50 Kilometer von der Grenze. Die Grenze wurde nur von Zollwache und Gendarmerie abgesichert.“

Perzi betont außerdem die Sonderrolle des ORF. Der österreichische Rundfunk „war die einzige westliche Fernsehstation, die damals überhaupt in Prag war“. Durch frühere Kooperationen gab es Kontakte, die dann genutzt werden konnten. Das österreichische Fernsehen war somit „zur richtigen Zeit am richtigen Platz gewesen“.

Z U R P E R S O N : Perzi ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der österreichischen Akademie der Wissenschaften, am Zentrum für Migrationsforschung sowie am Institut für totalitäre Studien (USTR) in Prag. Er ist außerdem Mit-Herausgeber des Gemeinsamen Österreichisch-Tschechischen Geschichtsbuches, das im Herbst präsentiert werden soll.

(Die APA hat am 18.05, 06.08 und 18.08 bereits mehrere Hintergrund-Berichte zum Jahrestag des Prager Frühlings sowie eine Grafik versandt.)


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