„Das Geheimnis von Neapel“: Grässliche Verbrechen

Ferzan Ozpetek versucht sich mit „Das Geheimnis von Neapel“ erstmals im Erotik- und Psychothriller, der zu einer Hommage für Alfred Hitchcock gerät.

Hinter dem Vorhang der Erinnerungen: Giovanna Mezzogiorno in „Das Geheimnis von Neapel“.
© Filmladen

Von Peter Angerer

Innsbruck –Eine der großen Überraschungen, die Neapel flanierenden Touristen bietet, ist ein barocker Luxus aus Marmor, auf den sich in den engen Gassen der Stadt ein Blick werfen lässt. Es war keine falsche Bescheidenheit, sondern schlichter Platzmangel, der Adel und Bourgeoisie zur verborgenen Pracht hinter unscheinbaren Fassaden gezwungen hat. Adele (Anna Bonaiuto) gehört einer dieser diskreten Paläste, in dem sie große Feste für die feine Gesellschaft inszeniert.

Hinter einem Vorhang führt eine Schauspieltruppe ein Stück auf, das wie eine Hommage an Federico Fellinis „Satyricon“ aussieht, aber Adriana (Giovanna Mezzogiorno), Adeles Nichte, hat nur Andrea (Alessandro Borghi) im Blick. Vielleicht hat auch der wesentlich jüngere Mann das Augenspiel eröffnet. Als er sich nach einem Plan für den kommenden Tag erkundigt, hat er Adrianas Aufmerksamkeit. Dabei ist die Frage nur eine Warnung, sich nichts vorzunehmen, denn „wir werden in dieser Nacht nicht viel zum Schlafen kommen“.

Tatsächlich, eine ähnliche Ekstase hat Adriana nie erlebt, keine Körperöffnung bleibt unbesucht, doch anderntags ist der Geliebte verschwunden. Es bleibt nicht einmal Zeit, schlafend zwischen Enttäuschung und süßer Erinnerung zu schwelgen, da Adriana zu einem Notfall gerufen wird. Auf dem Arbeitstisch der Gerichtsmedizinerin liegt eine grässlich entstellte Leiche. Dem noch Lebenden waren die Augen aus den Höhlen gerissen worden und nach dem Entfernen der Hose erkennt „die Ärztin der Toten“ den flüchtigen Liebhaber. Für die berechtigte Frage, was der Tote gesehen haben könnte, das mit solcher Grausamkeit ausgelöscht werden musste, haben die Polizeikommissare bereits passende Bilder, die Andrea vor seinem Verschwinden von der Schlafenden mit seinem Handy angefertigt hatte. Damit wird Adriana zur Hauptverdächtigen, die mit diesem Verbrechen die Verbreitung des pornografischen Materials hätte verhindern wollen. Andererseits war Andrea kein unbeschriebenes Blatt in den Polizeiarchiven über den Handel mit geraubter antiker Kunst in Neapel. Als Forensikerin und als trauernde Hinterbliebene sucht Adriana am Tatort den Faden, der sie durch das Labyrinth des Verbrechens führen könnte. Vor dem Archäologischen Museum wird sie allerdings von einem weiteren Ermittler erwartet. Es ist Andreas Zwillingsbruder Luca.

Ferzan Ozpeteks „Das Geheimnis von Neapel“ heißt im Original „Napoli velata“. Das Bild der Schleier, den Blick verstellender Tücher ist eine der Regeln für jeden Thriller, der das Auge auf bestimmte Dinge lenken oder von diesen ablenken will. Der undurchdringlichste Schleier ist schließlich jener, den die Psyche etwa über unangenehme Ereignisse aus der Vergangenheit wirft. Solchen psychischen Vorgängen hat Alfred Hitchcock in vielen seiner Filme nachgespürt. Sein Meisterwerk „Vertigo“ („Aus dem Reich der Toten“, 1958) ist unschwer als Inspirationsquelle für Ozpeteks Erotik- und Psychothriller zu erkennen.

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Der türkisch-italienische Regisseur packt mit virtuosen Stilübungen aber auch noch Geisterbeschwörungen des opulenten Kinos von Fellini bis Luchino Visconti dazu. Das ist manchmal zu viel für den Film und die beabsichtigte Spannungsdramaturgie. Dabei hat Ozpetek, der vor seinem grandiosen Debüt („Hamam“, 1997) das Kinohandwerk auf klassische Weise 15 Jahre lang als Regieassistent gelernt hat, schon einen leichteren Umgang mit Geistern bewiesen.


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