174 weiße Ratten spielen Welttheater

Das Thema des heurigen Europäischen Forum Alpbach „Diversität und Resilienz“ thematisieren die künstlerischen Interventionen von Deborah Sengl und des Duos France Distraction auf sehr spezielle Weise.

Im Kunst-Foyer des Congress Centrum Alpbach zu sehen: von Deborah Sengl in extremem Querformat hyperrealistisch gemalte Szene aus "Die letzten Tage der Menschheit" von Karl Kraus.
© Mischa Nawrata/SengD

Von Edith Schlocker

Alpbach –Der Künstler, die Künstlerin als Seismographen gesellschaftlicher Veränderungen dürfen beim Europäischen Forum Alpbach nicht fehlen. Wobei ihre Arbeiten in den vergangenen Jahren leider oft zum wenig beachteten Feigenblatt verkommen sind, was allerdings bisweilen auch mit deren mediokrer Qualität zu tun hatte. Nicht so in diesem Jahr. Wo mit Deborah Sengls 43-teiliger skulpturaler bzw. malerischer Inszenierung der „Letzten Tage der Menschheit“ von Karl Kraus ein Sittengemälde zelebriert wird, das zwar vor exakt hundert Jahren spielt, aber von zeitloser Relevanz ist.

Der gläserne Trichter, der das Alpbacher Kongresshaus mittig „durchbohrt“, ist der ideale Spielort dafür. Die Wiener Künstlerin hat ihn mit 39 weißen Sockeln umstellt. Als Basis von Glasstürzen, unter denen sich Schauriges tut. Befördert wird das Gefühl von Abscheu noch dadurch, weil die „Schauspieler“, die die Szenen aus dem „Jahrhundert­roman“ von Karl Kraus nachspielen, präparierte weiße Ratten sind. Nur eine von ihnen ist schwarz. Sie taucht zweimal auf: am Anfang des Szenenreigens und ganz am Schluss. Sie hat genug an menschlichem Leid, Dummheit, Eitelkeit und unverbesserlicher Machtgier gesehen. Die Brille ist abgelegt, die Augen werden mit geballten Fäusten verschlossen.

174 als Futter für Greifvögel oder Schlangen gezüchtete, perfekt präparierte weiße Ratten sind das „Personal“ für Sengls Stationentheater. Durch von der Künstlerin eigenhändig gemachte Attribute verkörpert jede einen anderen Charakter, wird zum einfachen Soldaten, zum eitlen, Schlachtenpläne austüftelnden General, zur kapriziösen, nackt auf dem Sofa sitzenden Hofratsgattin, zum auf Krücken humpelnden Verwundeten oder in seinem Blut liegenden Gefallenen, zum scheinheiligen Priester oder die „Neue Presse“ schwenkenden medialen Manipulator.

Dieser Alpbacher Stipendiat genießt das Bad in dem mit schwarzen Bällen gefüllten Becken.
© Schlocker

Um menschliches Verhalten zu enttarnen, sich Tieren zu bedienen, praktiziert Deborah Sengl schon seit vielen Jahren. Zelebriert als raffiniertes Spiel von Täuschung, Tarnung und Enttarnung, um sich in den „Letzten Tagen der Menschheit“ zur absoluten Demaskierung zu steigern, indem der Mensch zum Tier wird. Obwohl die Settings, in denen Sengl ihre Ratten agieren lässt, genauso wie ihre Attribute exakt dem Zeitgeist von 1918 entsprechen, sind Parallelen zum Heute überdeutlich. Und das an einem Ort wie Alpbach vorgeführt zu bekommen, wo im Rahmen des Europäischen Forums die ganz großen Fragen der Zeit verhandelt werden, ist schon bemerkenswert.

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Fröhlicher geht es auf der Wiese zu, unter der sich das Dach des Kongresshauses verbirgt. Wo für die Installation „Les Thermes“ des französisch-belgischen Künstlerkollektivs France Distraction Lehrlinge der Tiroler Fachberufsschule für Holzbautechnik nach den Plänen von David Calas nach dem Muster einer antiken Therme einen Pavillon gebaut haben. Sein Zentrum ist ein Becken, das nicht mit Wasser, sondern mit rund 25.000 schwarzen Kunststoffbällen gefüllt ist. Jeder von ihnen ist mit einem Satz bedruckt, etwa „Gib Acht, was deine Natur fordert“, „Die Unglückstage kennen“ oder „Wer auf grausame Art abzapft, erhält Blut statt Milch“. Um sie zu lesen und vielleicht darüber nachzudenken, heißt es, leibhaftig in das Becken eintauchen, was „ein geiles Gefühl, viel besser als Wasser“, sei, so ein eifrig köpfelnder Alpbacher Bub.


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