Tanglewood Festival - Der musikalische Geisterwald feiert Lenny

Lenox (APA) - Es gibt viele Geister in Tanglewood. Literarische, wie Nathaniel Hawthorne, der hier, im Landsitz Highwood Manor, einst lebte....

Lenox (APA) - Es gibt viele Geister in Tanglewood. Literarische, wie Nathaniel Hawthorne, der hier, im Landsitz Highwood Manor, einst lebte. Musikalische, wie Aaron Copland, dessen Asche hinter dem Gebäude verstreut ist. „Es spukt“, soll Leonard Bernstein einmal im Stiegenhaus ausgerufen haben. Heute ist „Lenny“, wie er hier von allen genannt wird, selbst einer der guten Geister von Tanglewood.

Im Sommer rund um seinen 100. Geburtstag, am kommenden Sonntag, feiert das US-Musikfestival in den grünen Berkshires von Massachusetts den „größten amerikanischen Musiker aller Zeiten“, wie er hier ebenso selbstverständlich bezeichnet wird. Denn hier hat Lennys Karriere begonnen - 1940 als Teilnehmer des allerersten Jahrgangs des prestigeträchtigen Nachwuchssommerkurses Tanglewood Music Center - und hier hat sie geendet, als er am 19. August 1990 sein letztes Konzert dirigierte, mit dem Boston Symphony Orchestra, dessen Sommersitz Tanglewood seit dem Jahr 1936 ist.

„Viele Orchester haben Festivals - aber nur wir haben diese Natur, diese Liegenschaft von 85 Hektar, die eine unvergleichliche Inspiration darstellt“, sagt Mark Volpe, Managing Director des Boston Symphony Orchestra im APA-Gespräch. Die Berkshires sind ein Hochland von dicht bewaldeten Hügeln, grünstem Gras, endlosen Parks mit ehrwürdig altem Baumbestand - und einer dichten Kulturszene. Theaterfestivals, Museen, Musik erfreuen die zahlreichen Zweitwohnsitzer aus Boston und New York - beide Städte sind in unter drei Stunden Autofahrt erreichbar.

Das kulturelle Epizentrum ist Tanglewood, ein Park im historischen Städtchen Lenox, mit weit verstreuten Konzertsälen, alten Landsitzen im neuenglischen Stil - und umgeben von riesigen Wiesen für Autostellplätze. Bis zu 15.000 Besucher strömen an den Sommerwochenenden täglich hierher. Pilgerscharen von Musikliebhabern mit Campingstühlen, Picknickdecken, Kinderspielzeug, Weinflaschen - und Regenausrüstung. „No Refunds, Rain or Shine“, steht auf den Tickets. Das Wetter in Neuengland kann wie im echten England ziemlich feucht sein. Und „nur“ rund 5.000 Plätze der großen Konzerte sind überdacht. Von einem „Shed“ - einem Schuppen.

Der Geldmangel beim Bau der Konzertstätte, der die Realisierung der ehrgeizigen Pläne von Architekt Eliel Saarinen 1938 verhinderte, sollte sich als Segen herausstellen. Saarinen hatte trotzig in einem Brief an die Geldgeber geschrieben, wenn sie auf ihrem Budgetrahmen bestünden, könnten sie gleich einen Schuppen bauen lassen, also im Wesentlichen nur eine Überdachung. Man nahm ihn beim Wort. Von seinen Plänen blieb die Form eines weit ausladenden Kuchenstücks, eine gewaltige Dachkonstruktion, mit zahlreichen Säulen zum Boden hin geschlossen, ein Raum im Freien, Schutz vor Regen, aber nicht vor Kälte, vor Sonne, aber nicht vor Hitze.

„Diese enge Abhängigkeit vom Wetter und von der Natur macht das Konzerterlebnis viel intensiver“, schwärmt Geigerin Jennie Shames, die seit beinahe 40 Jahren im Orchester spielt. „Tanglewood ist mein Herz - für das Orchester eine große Kraftquelle.“ Am vergangenen Freitag tobte ein Unwetter rund um den Schuppen, am sonnigen Wochenende hört man die Vögel, den Wind in den Bäumen, dazwischen immer wieder ein Kind. Die Akustik der Musik ist zugleich fabelhaft - nicht nur im „Shed“, sondern auch in der zweiten großen Konzerthalle des Areals, der 1994 eröffneten Seiji Ozawa Hall, ein luftiges Juwel aus Holz und Ziegel, das an seiner Rückseite eine Öffnung hin auf die Wiese in der Größe einer Kinoleinwand aufweist. Zuschauer haben also stets die Wahl zwischen den überdachten Sitzplätzen und „lawn tickets“. Damit können sie auf das Gelände - und sich irgendwo rund um eine der Konzertstätten niederlassen. Dresscode: Wetterfest.


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