Tanglewood 2 - US-Musikfestival als Nachwuchsschmiede

Lenox (APA) - Rund 300.000 Besucher zählt man jährlich, heuer, im „Bernstein Centennial Summer“, rechnet man mit neuen Rekorden. „Bernstein ...

Lenox (APA) - Rund 300.000 Besucher zählt man jährlich, heuer, im „Bernstein Centennial Summer“, rechnet man mit neuen Rekorden. „Bernstein war vielen Orten und vielen Orchestern eng verbunden“, so Mark Volpe. „Aber seine längste Beziehung hatte er zu Tanglewood. Er war Teil der Familie.“ Und so kann man hier so ziemlich jeden fragen nach Lenny, und wird eine Fülle von Anekdoten zu hören bekommen.

Von seinem großen Wissen weit über die Musik hinaus, von seiner Zigarettensucht, von seinem Zu-spät-Kommen, von seinem hohen Anspruch an die Musiker, von seiner Aversion gegen Probenzeitlimits, von stundenlangen Gesprächen und wilden Tanzeinlagen. Und immer: von seinem Genie. „Er war der beste Dirigent, unter dem ich je gespielt habe“, sagt Jennie Shames. „Ich kann mich an alles erinnern, was er zu mir gesagt hat.“

Shames traf Leonard Bernstein erstmals 1974, damals als Teilnehmerin beim Tanglewood Music Center, wo auch Lenny selbst mehr als drei Jahrzehnte vorher seine Laufbahn begonnen hatte. 150 junge, aber bereits graduierte Musiker nehmen jährlich an dem achtwöchigen Programm teil. „Sie lernen hier in erster Linie zusammenzuarbeiten“, erklärt die aktuelle Direktorin des C, Ellen Highstein, gegenüber der APA. „Spielen können sie schon. In Tanglewood geht es darum, aus seinem Kämmerchen herauszukommen und zu kommunizieren. Mit den anderen Musikern und mit dem Publikum.“

Kammermusik, Vokalensembles, Orchester - der Spirit von Tanglewood liegt im Miteinander. Die jungen Komponisten schreiben für die One-Piece-A-Day-Konzerte kleine Auftragswerke für bestimmte Ensembles - irgendwo am Gelände wird stets eines davon aufgeführt. „Und das Publikum geht da hin“, sagt Ellen Highstein, selbst immer wieder verblüfft davon. „An einem Dienstagvormittag: 150 Leute.“ Vermutlich weil sie wissen: Die Chance, dabei auf die Stars von morgen zu treffen, ist hoch. Die Liste der TMC-Alumni liest sich - zwischen Claudio Abbado und John Adams, zwischen Lorin Maazel, Luciano Berio und natürlich Leonard Bernstein - jedenfalls wie das Who is Who der Klassiktopliga.

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Einige ihrer ersten großen Konzerterfahrungen haben sie alle mit dem TMC-Orchestra im „Shed“ von Tanglewood gemacht. Auch der heurige Jahrgang macht sie, bei den Feierlichkeiten für Leonard Bernstein. Diese sind am vergangenen Wochenende in ihre intensive Phase eingetreten. Samstagabend spielte das Boston Symphony Orchestra unter seinem Chefdirigenten Andris Nelsons ein reines Bernstein-Programm - mit seinem humorvollen Ballett „Fancy Free“, choreografiert von Jerome Robbins, als Kooperation mit dem Boston Ballet, sowie mit der „Serenade“ für Violine und Orchester mit Solistin Baiba Skride. Sie wird Nelsons und das Orchester auch bei seiner gleich nach Tanglewood anstehenden Europatournee begleiten, die die Bostoner am 10. und 11. September für zwei Konzerte in den Wiener Musikverein führt. Neben Bernstein hat man dabei Mahlers 3. sowie Schostakowitschs 4. im Gepäck, die das Orchester erst kürzlich für die Deutsche Grammophon eingespielt hat.

Am Sonntagnachmittag, vor rund 13.000 Zuschauern bei bestem Wetter, gab es dann das umjubelte Gedenkkonzert für Bernstein mit dem heurigen TMC Orchestra, dirigiert von Nelsons, und mit Yo-Yo Ma als Solist. Der gefeierte US-Cellist hat seinen Sommersitz ebenfalls in den Berkshires und zählt in Tanglewood zu den Stammgästen - sowohl als Interpret, wie als Lehrer. Sein Einsatz als Solist wurde gleichsam zum Gipfeltreffen für die guten Geister von Tanglewood. Man spielte Copland, Bernsteins Cellomeditationen aus „Mass“ und eine eigens für den Anlass geschriebene Uraufführung von John Williams in Anwesenheit des Komponisten.

Denn der ist noch so ein „Teil der Familie“. „Wenn er Inspiration sucht, läuft er hier rund um Highwood Manor herum“, verrät Mark Volpe über den gefeierten, hollywooderprobten und fünffach oscargekrönten US-Komponisten. Und die Geister scheinen ihm zu antworten - „Highwood Ghost“ heißt das neue, Bernstein gewidmete Werk für Cello, Harfe und Orchester, „in dem auch Lenny ein bisschen spukt“, wie Williams in seinen Erläuterungen schreibt. Am kommenden Wochenende wird das Stück noch einmal in Tanglewoods großem Musikschuppen erklingen - beim Galakonzert am 100. Geburtstag wirken neben Yo-Yo Ma, Nelsons und dem Boston Symphony Orchestra allerdings auch andere mit: Jeweils Zwei Musiker aus jenen Orchestern, denen Bernstein eng verbunden war, wurden zum Mitmachen eingeladen - darunter das New York Philharmonic, Israel Philharmonic und die Wiener Philharmoniker. Aus Wien werden Vorstand Daniel Froschauer und Geschäftsführer Michael Bladerer nach Tanglewood reisen - und dabei neben Bernstein noch einen weiteren der guten Waldgeister auf Wien einstimmen. Denn im November spielen die Philharmoniker im Musikverein erstmals mit Williams als Dirigent.


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