Handball-Architekt Bergemann hat große Pläne: “Rohbau steht“

Warum Frank Bergemann (62) als Trainer bei Schwaz Handball Tirol den Reset-Knopf gedrückt hat und die Stimmung in Tirol schnell umschlägt.

Frank Bergemann will in Schwaz etwas bewegen, heute wartet die Liga-Generalprobe gegen Kriens-Luzern.
© Foto TT / Rudy De Moor

Schwaz — Es ist alles angerichtet bei Sparkasse Schwaz Handball Tirol. Heute (18 Uhr/Osthalle Schwaz) geht gegen das Schweizer Spitzenteam HC Kriens-Luzern die Generalprobe für den „spusu-Liga"-Auftakt am 1. September über die Bühne. Trainer Frank Bergemann blickt im TT-Gespräch auf den Saisonstart voraus.

Sie waren 2003 Meister-Trainer mit Hard. Wie sind die Erinnerungen an die Spiele gegen Schwaz?

Frank Bergemann: Der Hard-Trainer hat in Schwaz nie gewonnen (lacht). Dieser Schuss Mentalität, der die Tiroler ausgezeichnet hat, ist zuletzt auf der Strecke geblieben. Das wollen wir ändern!

Am 1. September beginnt gegen Linz die neue Saison. Sie wirken sehr motiviert.

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Bergemann: Das ist auch so. Ich will in Schwaz etwas bewegen, sonst hätte ich die Aufgabe auch nicht angenommen. Die Mannschaft macht's einem momentan leicht, es macht Spaß. Sie sind bereit, sich zu entwickeln und Gas zu geben.

Im Frühling haben Sie als Feuerwehrmann übernommen, jetzt können Sie die Mannschaft in Ruhe in die neue Saison führen.

Bergemann: Der erste Schritt war, die Reset-Taste zu drücken, das Wir-Gefühl und die Motivation zu wecken. Leistungsträger haben den Verein verlassen, spannende Neuzugänge (Feichtinger, Semikov, Perovsek, Rafnsson) sind gekommen. Mit denen wollen wir nun ein Haus bauen.

Wie weit ist der Hausbau bei Handball Tirol?

Bergemann: Der Rohbau steht. Leider geht das nicht so schnell. Die Rahmenbedingungen sind gut, die einzelnen Räder müssen aber noch besser ineinandergreifen.

Schwaz ist in Tirol ein gallisches Dorf, das Handball hochhält. Die Auswahl an Spielern ist begrenzt.

Bergemann: Meine Aufgabe ist, den Verein zu entwickeln, aber ich will ganz Tirol mitnehmen und das Feuer entfachen. Es heißt, alle Ressourcen zu nützen, etwa in den Schulen. Die Lehrer sollen handballaffiner werden, die meisten spielen ja nur Fußball. Ich darf das sagen, weil ich selber Lehrer bin.

Handball Tirol geht ins sechste Jahr. Man hat den Eindruck, es gibt Abnützungserscheinungen.

Bergemann: Ich sehe das ähnlich. Es gab Frustration, Enttäuschung und Müdigkeit. Jetzt wollen wir durchstarten. In den Gesprächen, die ich geführt habe, kommt das Gefühl von Handball Tirol 2.0 auf.

In Deutschland betrieb Handball nicht zuletzt durch das Wintermärchen (WM-Titel 2007, Anm.) Imagepflege. Österreich hinkt da hinterher.

Bergemann: Das hat Zeit gebraucht. Wichtig ist, dass Handball in den Großstädten angekommen ist. Sport hat in Österreich einen unglaublich hohen Stellenwert, aber ins Stadion zuschauen kommen kurioserweise nur wenige.

War das in Deutschland anders?

Bergemann: Bei meinem Ex-Verein Balingen (Baden-Württemberg) hat es einen unglaublichen Fan-Kern gegeben. In Erlangen (Bayern) mussten wir das erst entwickeln und haben mit 300 Zuschauern klein angefangen.

Der schnellste Weg zu mehr Publikum ist der Erfolg.

Bergemann: Ja, aber das darf nicht die einzige Münze sein. Der Erfolg hilft, aber wichtig ist die Ausstrahlung einer Mannschaft.

Wie wichtig sind Eigenbauspieler wie Kapitän Alexander Wanitschek oder Rückkehrer Balthasar Huber?

Bergemann: Sehr wichtig, um die Bindung zum Publikum zu halten. Wir wollen Vorbilder für die Jugend schaffen, da brauchen wir Leute mit Führungsqualität. Bei Balti (Huber, Anm.) ist es toll, dass er zurückkehrt. Er braucht noch Zeit, ein Jahr ohne Handball macht man nicht so schnell vergessen.

Mit dem Einzug ins obere Play-off hat sich Schwaz ein hohes Ziel gesteckt.

Bergemann: Man muss zwischen Zielen und realistischen Zielen unterscheiden. Bregenz, Hard, West Wien, Margareten und Krems sind fünf Teams, die beim oberen Play-off gleich hier schreien. Aber genau dorthin zu kommen, muss der Anspruch sein.

Ein ambitioniertes Ziel.

Bergemann: Uns ist bewusst, dass es ein schwieriger Weg ist, dass wir Geduld brauchen werden. Entscheidend wird sein, wie die Mannschaft reagiert, wenn es nicht läuft.

Warum betonen Sie das?

Bergemann: Weil ich das in Tirol erlebt habe. Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt. Das ist kein guter Begleiter. Es geht um eine realistische Einschätzung der Situation. Entscheidend ist, wie man nach einer Niederlage aufsteht. Da wird man stark.

Das Gespräch führte Benjamin Kiechl


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