Burg-Direktor Martin Kusej: ,,Ich lade mir gern Gäste ein“

Ohne Hintergedanken in den Hinterhöfen der Gedanken: Der designierte Burg-Direktor Martin Kusej gestaltete mit namhaften Gesprächspartnern die ersten Kultur-Begegnungen beim Forum Alpbach.

Pulitzer-Preisträger Ayad Akhtar und Martin Kusej im Gespräch.
© Alpbach/Andrei Pungovschi

Von Erna Cuesta

Alpbach –In Zeiten wie diesen, da Tempo regiert, nimmt man sich in Alpbach mehr denn je Zeit – gehaltvolle Zeit für Kultur. Erstmals hat man einen Tag der Begegnungen ausgerufen. Dazu den auch fürs Querdenken bekannten Theatermann Martin Kusej gebeten, darüber nachzudenken, welche Fragen brennen und mit wem er darüber philosophieren könnte. Entstanden ist ein klassisches Gesprächsformat – Kusej unterhält sich jeweils mit einem Gast –, das aber mit einer jeweils 90-minütigen Dauer und ohne definiertes Ergebnis doch sehr unkonventionell ist.

Kusej will mit diesen Begegnungen in die Hinterhöfe der Gedanken- und Innenwelten der Künstler und des Publikums eindringen. Aber eben ohne Hintergedanken. Was rauskommt, kommt raus und ist gut. Für die fünf durch den Tag dicht getakteten Gesprächsrunden hat sich eine erlesene Zuhörerschaft für den Tagessatz von 400 Euro angemeldet – und bisweilen mit ins Gespräch gebracht. Die abendliche Abschlussrunde war dann für jedermann zugänglich. Ein toughes Programm. Man könnte neumodisch von einem Think-Tank-Overload sprechen, oder, altmodischer, davon ausgehen, dass Besucher des Forums Alpbach erfahren und hart im Nehmen sind.

Um 9 Uhr morgens geht es also los: Martin Kusej erweist sich schon bei seiner ersten Wunschkandidatin, der Triester Spitzenköchin Antonia Klugmann, als launig-charmanter Gastgeber. Man erfährt viel über kreatives Kochen, die Kunst an sich, und ganz nebenbei im Verlauf des Tages auch sehr viel über Martin Kusej.

Der designierte Burgtheaterdirektor und Noch-Residenztheaterintendant ist auf seine Gäste vorbereitet, hat Fotos, Filmtrailer im Gepäck. Aber er weiß nicht alles. Muss er auch nicht: Den Salzburger Multi-Percussionisten Martin Grubinger etwa wollte er längst kennen lernen, von der britisch-französischen Schauspielerin Amira Casar mehr wissen, mit dem amerikanischen Theaterautor und Sohn pakistanischer Einwanderer Ayad Akhtar in die Tiefe gehen, von der ersten Begegnung mit dem Radikal-Performer-Künstler Flatz und der daraus entstandenen Freundschaft erzählen. So unterschiedlich die Gespräche, so verbindend die Frage, was Kunst und Künstler antreibt. Es geht um Leidenschaften, ganz persönlich und lustvoll wird über Haltungen, Utopien und gesellschaftliche Notwendigkeiten sinniert.

Man bewegt sich mit komplexen und trivialen, konkreten und allgemeinen Fragen im Kunst- und Kulturwasser. Wie weit würde Amira Casar – die in jungen Jahren ihre kurdisch-russischen Wurzeln zu verdrängen versucht hat – für ihre Überzeugungen gehen, will Kusej wissen. Wie sehr sind wir heute von Angst getrieben? Oder: Finden Künstler in der Auseinandersetzung mit dieser Angst einen Weg? Das fragt Kusej Flatz. Wie steht es um das Gefühl des Kontrollverlustes, wenn man ein Werk aus der Hand, also in die Hände eines Regisseurs gibt? Das will Regisseur Kusej von Ayad Akhta­r wissen. Zu allen Fragen gibt es Gedanken, zu wenigen eine einzige Antwort, zu manchen Gegenfragen. „Was ist für dich obszön?“, kontert etwa Amira Casar. Zu schnell gefragt. Darüber muss Kusej nachdenken.

Insiderwissen kann bei diesen Begegnungen nicht schaden. Notwendig ist es aber nicht. Persönliche Einblicke und greifbare Zitate überwiegen. „Meine Philosophie von Kunst ist sehen: Ich will alles sehen, dann kann ich es verstehen“, oder „Kunst hat nichts mit Moral zu tun. Kunst ist amoralisch“, postuliert Flatz. Sätze, die für sich stehen. „Der Film ist eindeutig das Medium des Regisseurs. Wir Schauspieler schenken dem Film unser­e Präsenz und hauchen ihm Seele ein“, beschreibt Amira Casar. Und da ihr das Theater nach wie vor ein Anliegen ist, nutzt sie die Begegnung mit Kusej in eigener Sache: „Ich warte noch auf ein Angebot vom Burgtheater.“

Von der „Schwierigkeit, heute Helden zu definieren“, erzählt Autor Akhtar. „Helden werden nach der vermeintlichen Vorstellung des Publikums, also in einer falschen Annahme, entwickelt.“

Und ebenso leidenschaftlich, wie Martin Grubinger von dem intuitiven oder analytischen Zugang zu Kompositionen, von seinem Brennen für das Schlagzeugrepertoire spricht, so schlagkräftig trommelt er seine Überzeugung: „Europa ist für mich Emotio­n. Ich bin überzeugter Europäer!“

Damit kann jeder etwas anfangen. Zustimmen. Oder widersprechen. Da nimmt jeder etwas mit nach Hause. Ob als flüchtige Erinnerung, oder als bleibender Eindruck. Begegnungen eben.


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