Bernstein wäre 100: Ode an die Freude und die Freiheit

Kein Jahresregent, der so exzessiv gefeiert wird wie der Komponist, Dirigent, Pianist, Pädagoge und TV-Star Leonard Bernstein, geboren heute vor 100 Jahren.

Der Jahrhundertmusiker Leonard Bernstein.
© imago stock&people

Von Ursula Strohal

Innsbruck –Sein Genie, sein Temperament, sein Charisma prägen die Musikwelt bis heute und wirken 28 Jahre nach seinem Tod noch so ansteckend nach, dass sich die Medien überschlagen in der Wachhaltung Leonard Bernsteins, dieses bedeutenden Schaffenden, großen Liebenden und in seinen existenziellen Krisen, die er den Phasen der Lebensgier entgegensetzte, auch intensiv Leidenden. Er ist am 25. August 1918 in Lawrence, Massachusetts als Sohn einer aus der heutigen Ukraine in die USA eingewanderten jüdischen Familie auf die Welt gekommen.

Seine Begabung und Berufung zur Musik haben ausgereicht, um gegen den Willen des Vaters Musiker zu werden. Als eine Tante dem scheuen und kränkelnden Kind ein Klavier schenkte, saß der Bub nächtelang daran. Seine Konsequenz führte ihn an die Harvard Universität, wo der ebenso wissbegierige wie ehrgeizige Hochbegabte neben dem Klavier- und Kompositionsstudium Vorlesungen in Musikwissenschaft, Philosophie und Sprachen hörte. 1934 spielte er in Boston ein Klavierkonzert von Edward Grieg. Es war sein erstes öffentliches Konzert.

Neun Jahre später hatte der erst 25-Jährige seinen ersten großen Auftritt als Dirigent der berühmten New Yorker Philharmoniker, als er nach einer durchzechten Nacht innerhalb von sechs Stunden für den erkrankten Bruno Walter einsprang. Sein Vater war dabei und antwortete auf die Frage eines Journalisten, warum er dem Sohn einst die Klavierstunden nicht bezahlen wollte: „Woher hätte ich denn wissen sollen, dass aus ihm Leonard Bernstein wird?“ Als erster Amerikaner und jüngster Dirigent wurde Bernstein 1958 Musikdirektor der New Yorker Philharmoniker.

Zum 100. Geburtstag von Leonard Bernstein

Monsterboxen Die Deutsche Grammophon widmet Bernstein mit „Complete Recordings von Deutsche Grammophon & Decca“ eine Box mit 121 CDs und 36 DVDs. Bei Sony erschien Ende 2017 mit „Leonard Bernstein – The Remastered Edition“ eine ebenso umfangreiche Box mit 100 CDs.

Produktionen Die Wiener Volksoper zeigt ab 9. Dezember das 1953 von Bernstein komponierte Musical „Wonderful Town“. „Candide“, in der Urfassung von Bernstein als Operette geplant, wird als Neuproduktion ab 30. April 2019 in der Kammeroper in Wien zu sehen sein. Beim Orchesterfestival Grafenegg in Niederösterreich gibt es ab heute die „Bernstein-Hommage“ zu sehen.

Fernsehen Servus TV und 3sat zeigen am heutigen Geburtstag des Komponisten jeweils ab 20.15 Uhr „West Side Story“. 3sat reiht an den Musicalfilm die „Bernstein Story“ (ab 22.40 Uhr) sowie „Leonard Bernstein: Reflections“ (23.30 Uhr)

Ausstellung Das Jüdische Museum zeigt von 17. Oktober 2018 bis 28. April 2019 die Sonderschau „Leonard Bernstein. Ein New Yorker in Wien“, die sich mit Bernsteins Beziehung zu Wien beschäftigt.

„Mister Music“ war ungemein kreativ. Er komponierte Symphonien, Kammermusik und Opern, Film-, Ballett- und Broadwaymusik. Zu seinen erfolgreichsten Bühnenwerken zählen die Musicals „On The Town“, „Candide“ (2001/02 am Tiroler Landestheater) und natürlich der seit 1957 anhaltende Welterfolg „West Side Story“. Die Verfilmung erhielt zehn Oscars. Das Musical läuft ab Herbst auch wieder am Tiroler Landestheater.

Als Dirigent arbeitete Bernstein mit den bedeutenden Orchestern der Welt, oft mit den Wiener Philharmonikern. Aufgrund deren politischer Vergangenheit in der NS-Zeit war das Verhältnis freilich auch spannungsvoll. Da Bernstein 1990 starb, kam das geplante Neujahrskonzert 1992 nicht zustande.

Bernstein in seiner Paraderolle als Dirigent.
© AFP

Bernstein, aufgrund seiner Medienpräsenz, seiner Fähigkeit, zu begeistern und seines guten Aussehens auch zeitgeistige Stilikone, macht unkonventionelle TV-Sendungen und zeigt nicht nur Kindern in seinen „Young People’s Concerts“, wie toll klassische Musik ist. In diesen Shows wird Musik eine Ode an die Freude. Er dirigiert beim Amtsantritt John F. Kennedys und beim Berliner Mauerfall, wo er im Finale von Beethovens Neunter Symphonie aus Schillers „Ode an die Freude“ die „Ode an die Freiheit“ macht.

Als Bob Dylan 2016 den Literaturnobelpreis erhielt, war Lenny Bernstein nahe, der E- und U-Musik nie getrennt und Klassikpuristen mit dem Ausspruch verstört hat: „Es gibt guten Bach UND guten Bob Dylan.“


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