„Geniale Göttin“: Hedy Lamarr zwischen Hollywood und Torpedokrieg

Wien/Hollywood (APA) - Bereits Peter Turrini hat die österreichische Hollywoodlegende Hedy Lamarr in seinem Stück „Sieben Sekunden Ewigkeit“...

Wien/Hollywood (APA) - Bereits Peter Turrini hat die österreichische Hollywoodlegende Hedy Lamarr in seinem Stück „Sieben Sekunden Ewigkeit“ von ihrer unbekannten Seite - als Erfinderin - beleuchtet. Noch tiefer in den äußerst erkundenswerten Lamarr-Kosmos rund um das „geheime Hobby“ der „schönsten Frau der Welt“ führt nun die Doku „Geniale Göttin“ der amerikanischen Regisseurin Alexandra Dean. Ab Freitag im Kino.

Das Jahr 1942 hätte einen Wendepunkt im Leben Lamarrs bedeuten können: Damals, mitten im Zweiten Weltkrieg, reichte die aus Österreich emigrierte Schauspielerin gemeinsam mit dem Pianisten George Antheil ein Patent zu einer neuartigen Funksteuerung für Torpedos ein, um den Amerikanern im U-Boot-Kampf zu helfen. Doch die Pläne verstaubten im Archiv, erst Jahrzehnte später wurde das Modell der Wechselfrequenz als Basis für den Mobilfunk eingesetzt. Hedy Lamarr, die es verabsäumt hatte, das Patent zu verlängern, sah keinen Cent.

Dass es jedoch nicht bei dieser Erfindung blieb und wie sehr Lamarr, die am 9. November 1914 in Wien als Hedwig Kiesler geboren wurde und 1933 kurz nach ihrem hohe Wellen schlagenden Nacktauftritt in Gustav Machatys Film „Extase“ einen Wiener Waffenfabrikanten heiratete, unter ihrem von Hollywood auferlegten Image litt, zeigt der Film eindrücklich, aber nie aufdringlich. Angereichert mit Archivaufnahmen, Zeitzeugeninterviews und Tonbandaufnahmen eines Journalisten, dem es gelang, mit der gegen Ende ihres Lebens sehr zurückgezogen lebenden Schauspielerin über ihre „zweite Seite“ zu sprechen, zeichnet Alexandra Dean ein Bild einer zielstrebigen Frau, die stets an ihrer wahren Leidenschaft - dem Erfinden - festhielt.

Sowohl die Interviews mit dem Sohn Lamarrs als auch mit Weggefährten und Wissenschaftern ermöglichen es, einen Blick hinter die Kulissen des Hollywoodglamours zu werfen, bei dem auch die Branche mit ihren schlecht dotierten Knebelverträgen scharfer Kritik ausgesetzt wird. Lamarr, die sich dem Produzenten Louis B. Mayer verpflichtete, um von London in die USA zu kommen, litt jahrelang unter stereotypen Rollen (wie etwa „Samson und Delilah“, 1949) und wurde schließlich durch ihre zahlreichen Schönheitsoperationen auch vom Boulevard geschmäht.

All das dokumentiert Dean, setzt es aber immer in Beziehung zu Lamarrs Erfindungen, die etwa auch eine Art Trockenbrause für Cola umfassen, die es Soldaten ermöglichen sollte, jederzeit und überall Cola zu trinken. Doch schien ihr klar zu sein, dass sie „mit diesem Gesicht“ niemals als ernst zu nehmende Wissenschafterin anerkannt werden würde. Weitere Patente meldete sie nicht an. Sie sollte ihre Geschichte eigentlich dem Fernsehen verkaufen, erzählte sie dem Journalisten, der das einzige bekannte Telefoninterview mit Lamarr führte, in dem sie über ihre „andere Seite“ spricht, im Jahr 1990. Es ist die Stimme einer selbstbewussten Frau, die sich damit abgefunden hat, dass man mit einem Gesicht wie dem ihren als Wissenschafterin nicht ernst genommen wird.

Zu einer späten Ehrung schickte sie ihren Sohn. Die Videoaufnahme, als sie ihn während dessen Dankesrede anruft, um zu fragen, wie es gelaufen ist, zählt zu den berührendsten Szenen eines Films, der ein Drama offenbart, das es nie auf die große Leinwand schaffte. Das hat Alexandra Dean nun geändert.


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