Scheidender Superintendent Miklas wünscht „anschlussfähigere“ Kirche

Graz (APA) - Die evangelische Kirche in der Steiermark bekommt einen neuen Superintendenten: Wolfgang Rehner ist im März zum Nachfolger von ...

Graz (APA) - Die evangelische Kirche in der Steiermark bekommt einen neuen Superintendenten: Wolfgang Rehner ist im März zum Nachfolger von Hermann Miklas gewählt worden, der nach 19 Jahren im Amt in Pension geht. Im APA-Interview zog Miklas Bilanz und mahnte seine Gemeinde noch „anschlussfähiger“ zu werden: Oft sei Kirche „eine in sich abgeschlossene Welt und genau das darf Kirche nicht sein.“

Je näher der Abschied rückt, desto bewusster werde dem 65-Jährigen, dass die evangelische Kirche in der Postmoderne „noch anschlussfähiger werden sollte“: „Mir fällt auf, wie abgekapselt Kirchen teilweise sind, dass sie eine Sprache sprechen, die von Menschen nicht mehr verstanden wird. Es ist eine in sich abgeschlossene Welt und genau das darf Kirche nicht sein. Kirche muss eine Sprache sprechen, die dem Volk auf‘s Maul schaut. Menschen müssen merken, da geht es um sie und ihren Glauben und ihr Verhältnis zu Gott.“

Seine Zeit als Superintendent bilanziert Miklas zufrieden, wenngleich die Mitgliederzahl in der Steiermark in den 19 Jahren von rund 49.000 auf 39.000 zurückgegangen ist: „Es gelingt nie alles von dem, was man sich vorgenommen hat. Trotzdem fällt die Bilanz für mich insgesamt sehr positiv aus. Mir ist es immer wichtig gewesen, dass große Visionen auf der einen Seite bestehen und dass man die nicht vernachlässigt, aber dass sie gedeckt sind durch das ganz kleine Handwerkliche. Es bringt nichts, wenn jemand große Visionen verfolgt, aber sie scheitern dann daran, dass die ganz banalen Dinge nicht funktionieren. Insofern waren mir die kleinen Dinge des Lebens wichtig: Mir war wichtig, dass Menschen in den evangelischen Pfarrgemeinden der Steiermark sich wohlfühlen, dass sie als Menschen anerkannt werden, mit ihren Anliegen ankommen und die Atmosphäre gut ist. Die kleinen Dinge machen das Leben aus.“ Der scheidende Superintendent meinte weiter: „Wenn die Begegnung nicht klappt, hilft alles andere auch nichts.“

Die großen Visionen fasste Miklas nicht nur auf das Evangelische bezogen auf, sondern auf Religion und das Christliche insgesamt: „Unsere Zeit ist immer mehr vielfältig und säkular geworden: Menschen vergessen oft auf Gott. Er ist nicht mehr präsent. Das heißt nicht, dass sie ungläubig sind oder keine Sehnsüchte hätten, aber es ist mir wichtig gewesen, Signale auszusenden, dass Menschen mit Freude wieder in irgendeiner Weise mit Gott in Berührung kommen.“

Die Ursachen für den Rückgang bei den Mitgliederzahlen sieht er „multifaktoriell“. Er erkennt eine Reihe von Faktoren, die nicht hausgemacht sind - etwa der Umstand, dass Evangelische oft einer höheren Bildungsklasse angehören würden und diese wiederum weniger Kinder bekomme. Weiters waren die vergangenen 19 Jahre von einem demografischen Wandel geprägt, der mehr Abwanderung als Zuwanderung in der Steiermark brachte. Außerdem erkenne er einen entsprechenden gesellschaftlichen Trend in der westlichen Welt, dem man nur zum Teil gegensteuern können. Aber es sieht auch hausgemachte Faktoren: „Die orte ich da, wo Begegnung oder Beschwerdemanagement nicht geklappt hat. Menschen waren aus irgendeinem Grund enttäuscht von der Kirche und es gab niemanden, der diese Enttäuschung auffangen hätte können. Das passiert. Es kann immer sein, dass jemand mit dem Pfarrer oder der Pfarrerin nicht kann, aber dann sollte man den Konflikt an jemand anderen delegieren und das passiert oft nicht. Dann verbeißen sich die zwei ineinander und zum Schluss führt es zum Kirchenaustritt.“

Miklas betonte, dass die evangelische Kirche zwar im Gegensatz zu manchen anderen Religionsgemeinschaften einen modernen Zugang hat: „Das Problem allerdings ist, dass wir nicht mehr im Zeitalter der Moderne, sondern der Postmoderne leben. Die evangelische Kirche ist noch nicht ganz postmodern. Da orte ich die größten Aufgaben.“ In der Postmoderne gehe es nicht um Prinzipien, sondern um Gegenwart. „Postmoderne Menschen leben im Hier und Jetzt. Das widerspricht zum Teil dem Wesen der Kirche, weil Kirche eher langfristig angelegt ist.“ Er sieht aber Möglichkeiten und nannte Dienstverhältnisse als Beispiel: „Wir haben teils gewählte Mitarbeiter und eine Periode dauert bei uns sechs Jahre. Postmoderne Menschen binden sich maximal für drei Monate. Wir können nicht alle drei Monate wählen, das geht nicht, aber wir können Menschen für einzelne Projekte gewinnen.“ Noch sei die evangelische Kirche aber in den alten Strukturen verhaftet.

2015 mit der Ankunft vieler Migranten aus dem muslimischen Glaubensbereich sei für ihn ein „spannendes Jahr“ gewesen: „Am spannendsten war, dass in Spielfeld und Umgebung Rotes Kreuz, Feuerwehr, Polizei und NGOs zusammenarbeiten mussten. Die haben völlig unterschiedliche Organisationsstrukturen und das war die größte Herausforderung.“ Die Folge seien Beispiele großartiger Arbeit bei der Integration gewesen, was die Akzeptanz in der Bevölkerung zeige, so Miklas. Aber er erkennt auch Probleme: Vertreter der offiziellen islamischen Glaubensgemeinschaften seien bemüht, den fundamentalistischen und gewaltbereiten Strömungen den Hahn abzudrehen, „was teilweise gelingt, teilweise nicht gelingt“. Es handle sich aber um oftmals weltweite Strömungen, die man nicht in Graz lösen könne.

Miklas findet, dass in den vergangenen zwei Jahren eine „relativ große Fremdenfeindlichkeit und religionskritische Haltung gegenüber Muslimen in der Bevölkerung deutlich zugenommen“ habe. Das sei nicht leicht und alle christlichen Kirchen seien bemüht, dem entgegenzuwirken. Aber diese Tendenz sei da - „sonst würden Wahlen nicht so ausgehen, wie sie ausgehen.“

Ein Nebenaspekt der Zuwanderung aus fremden Kulturen ist in seinen Augen, dass sich Christen aller Konfessionen noch mehr angenähert haben. Sie merkten, dass sie „doch viel mehr verwandt“ sind. „Menschen werden sich insgesamt wieder mehr ihrer Religion bewusst, da Muslime ihren Glauben einfach ernst nehmen.“ Insbesondere in Schulklassen könne man das beobachten.

In seiner neu gewonnenen Freizeit will Miklas NGOs und andere Organisationen beraten und er möchte „das eine oder andere Buch schreiben“: „Als erstes reizt mich, einige Anekdoten, die sich in den letzten Jahren ergeben haben, zu sammeln. Es wird mir jedenfalls nicht langweilig werden.“

(Das Gespräch führte Ingrid Kornberger/APA)


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