Neuer steirischer Superintendent Rehner nimmt Angst vor Massen ernst

Graz/Sibiu (Hermannstadt) (APA) - Wolfgang Rehner wird am 23. September in sein Amt als neuer Superintendent der evangelischen Kirche in der...

Graz/Sibiu (Hermannstadt) (APA) - Wolfgang Rehner wird am 23. September in sein Amt als neuer Superintendent der evangelischen Kirche in der Steiermark eingeführt. Im Vorfeld sprach der Theologe im APA-Interview beim Thema Migration von „vornherein verdächtigen Massen“ und meinte: „Mit einer Masse kann man keinen Dialog führen, nur mit einer Person.“ Daher will er die Mitglieder lehren, andere als Person wahrzunehmen.

Rehner wurde 1962 im rumänischen Sibiu (Hermannstadt) geboren, ist verheiratet und hat drei teils erwachsene Töchter. Im März wurde er zum Nachfolger von Hermann Miklas gewählt, der nach 19 Amtsjahren in Pension geht. Rehner ist bereits nach Graz umgezogen, könne nun sein „Hobby Heimwerken voll entfalten“ und lebt sich bei seinem neuen Arbeitsplatz ein. Dass er zum neuen Superintendenten gewählt wurde, sei weniger überraschend gewesen, als der erste Wahlgang, bei dem er bereits deutlich mehr Stimmen als die anderen Kandidaten erhalten hatte: „Da bin ich nervös geworden und hatte beim Mittagessen Mühe meine Suppe zum Mund zu führen“, schmunzelte er. Für seine Angehörigen sei die Bestellung zum neuen Leiter der evangelischen Kirche Steiermark nicht einfach: „Für uns als Familie ist es eine sehr große Herausforderung. Wir haben uns damit aber bereits im Sommer 2017 beschäftigt. Nach der Wahl war es dann kein Thema mehr.“

Rehner griff nach seiner Bestellung eine Aussage seines Vorgängers Hermann Miklas auf: „Die evangelische Kirche darf nicht für sich selbst, sondern soll mit und für andere da sein.“ Er unterstrich auch die Ansicht von Miklas, wonach Kirche oft als „abgekapselter Bereich“ erscheint: „Ich finde das auch gar nicht schlecht, wenn Kirche eine Sprache spricht, die etwas anders ist. Ich finde es ebenfalls nicht schlecht, wenn die Atmosphäre in einem Kirchenraum etwas sehr Spezifisches ist. Man kann ruhig merken, da ist es anders, aber der Unterschied zu anderem muss fruchtbringend sein - nämlich, dass man für andere da ist. Das entspricht dem, was Caritas und Diakonie machen. Jesus hat auch nicht sein eigenes Spiel gespielt, sondern ist für andere da gewesen. Kirche darf und kann nicht Spielwiese der Self-Made-Menschen sein. Kirche kann nur als Miteinander funktionieren und das ist gerade in der Zeit der Postmoderne etwas, das schwer zu vermitteln ist.“

Der neue Superintendent bezeichnet sich selbst als „Wirtschaftsmigrant“ und rückt im Zusammenhang mit der Zuwanderung seit 2015 einen zentralen Aspekt in den Mittelpunkt: „Ganz wichtig ist, dass man die Menschen sieht. In dem Moment, in dem man die Person erkennt, fängt Dialog an. Mit einer Masse kann ich keinen Dialog führen, nur mit Personen. Deshalb bin ich der Meinung, dass es für uns wichtig ist, es zu lernen, andersartige Mitglieder der Gesellschaft als Personen zu sehen. Wir, die in gesicherten Räumen mit schönlaufenden Ventilatoren sitzen, müssen von unseren Mitgliedern, die Angst vor Massen haben, die auf einen zukommen, diese Wahrnehmung ernst nehmen.“

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Rehner spannte dabei auch einen Bogen zum Mitgliederrückgang: „Wir verlieren sie, weil Kirchen Massenorganisationen sind - wie etwa Gewerkschaften. Solche Massenorganisationen sind von vornherein verdächtig. Einer Massenorganisation beitreten ist nicht im Geist der heutigen Zeit. Und wenn ich das, was als Migrationsbewegung gilt, nur noch als Massenbewegung wahrnehmen kann, dann muss ich auch zur Kenntnis nehmen, dass es nicht vermittelbar ist. Und es ist auch das Recht einer Gesellschaft zu sagen, ‚Nein, es geht nicht‘. Das muss man anerkennen. Unsere Aufgabe besteht dann darin, die Personen als solche erkennbar zu machen und sie im Dialog wahrzunehmen. Dann wird es funktionieren.“

Für den neuen Superintendenten war im Jahr 2015 ein Zeitpunkt da, an dem die Migrationsbewegung zu viel war. Es sei für die Gesellschaft und auch für einzelne nicht mehr tragbar gewesen. Als Beispiel nannte er den Schulweg seiner Töchter, die damals täglich mit dem Zug nach Salzburg in die Stadt gefahren sind: „Am Hauptbahnhof war das Parkhaus das Notlager für ankommende Flüchtlinge und es wuchs hinaus in die Bahnhofshalle. Sie mussten über die Leute drübersteigen, um zur Schule zu kommen. Das war nur noch Masse und das ist beängstigend.“ Wenn man das nicht ernst nehme und etwa sagt, das ist eine Sinnestäuschung, dann verliere man Ansprechpartner, Mitglieder und die eigene Gesellschaft: „Man verliert sie an jene, die bereit sind, das für ihre Zwecke zu instrumentalisieren.“

Angesprochen auf den Mitgliederrückgang meinte Rehner: „Abbau verwalten ist nicht mein Geschäft. Als realistisch denkender Mensch rechne ich nicht mit einem großen Zuwachs, aber für mich wird es kein Ziel sein, den Abbau einzudämmen, sondern zu fragen, was können wir für die Menschen tun. Und mit wem können wir uns zusammenschließen, um glaubwürdig zu sein. Die Mitgliederzahlen werden sich entsprechend entwickeln.“ Die evangelische Kirche sieht er in Österreich „an einem guten Ort“: „Wir genießen mehr Aufmerksamkeit, als es unserer Anzahl entsprechen würde. Das heißt für mich: Wir machen offenbar etwas richtig.“ Seine eindringliche Bitte vor Amtsantritt ist: „Erinnert mich immer wieder an meine guten Vorsätze des Anfangs.“

(Das Gespräch führte Ingrid Kornberger/APA)


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