“Geniale Göttin“: Verloren zwischen Mythos und Wirklichkeit

Alexandra Dean erzählt in „Geniale Göttin – Die Geschichte von Hedy Lamarr“ vom Aufstieg und Fall der Wiener Schauspielerin in Hollywood.

© Courtesy Everett Collection

Von Peter Angerer

Innsbruck –Als 1966 Hedy Lamarrs Autobiografie „Eks­tase und ich – Mein Leben als Frau“ erschien, mussten noch ein Arzt und ein Psychologe Vorworte liefern, um die „Enthüllungen“ der „übersexten“ Hollywood-Ikone plausibel erscheinen zu lassen und zugleich Leser und Leserinnen von Schuldgefühlen bei der Lektüre zu befreien. In Alexandra Deans Dokumentarfilm „Geniale Göttin – Die Geschichte von Hedy Lamarr“ ist die Schauspielerin in Talkshows zu sehen, wie sie ihre Memoiren relativiert. Die Ghostwriter hätten einfach übertrieben.

Der rote Faden in Alexandra Deans Film ist ein Interview, das der Journalist Fleming Meeks 1990 mit der Hollywood-Diva geführt hat, um in einem Magazin vom Aufstieg und Fall einer Schauspielerin und einer der Öffentlichkeit bis zu diesem Zeitpunkt verborgenen Begabung der Österreicherin zu erzählen. 1941 hatte sie mit dem Komponisten George Antheil das Patent für ein Fernsteuerungssystem für Torpedos angemeldet. 1990, zehn Jahre vor ihrem Tod, sehnte sich die ehemals „schönste Frau der Welt“ nach etwas Anerkennung, während ihr nach unzähligen kosmetischen Operationen Kinn und Wangen aus dem Gesicht zu fallen drohten.

Hedy Lamarr erinnert sich in diesem Interview an Wien, wo ihre jüdische, wenn auch assimilierte Familie seit zwei Generationen lebte und wo sie 1914 als Hedwig Kiesler geboren wurde. Bereits als 15-Jährige begann sie, kleine Nebenrollen in Filmen zu spielen, als 19-Jährige wurde sie mit dem Skandalfilm „Ekstase“ 1933 berühmt und berüchtigt. Sie brach als Erste das Tabu der Nacktheit im Kino, spielte einen Orgasmus. Papst und Führer verdammten den Film, der US-Zoll ließ die Verleihkopien vernichten. Mit der Machtergreifung der Nazis war die Karriere auch wegen der jüdischen Herkunft beendet. Sie heiratete einen mächtigen Waffenfabrikanten, musste ihre Schauspielkunst Faschisten und Nazis widmen, die als Kunden zu ihren Abendgesellschaften eingeladen waren. 1937 gelang ihr im Kostüm eines Dienstmädchens die Flucht aus dem goldenen Käfig. In London konnte sie den nach Talenten suchenden Hollywood-Tycoon Louis B. Mayer für sich begeistern. Der MGM-Chef erfand auch den Glamournamen, wobei er an eine Kopie der regierenden Schönheitskönigin Dorothy Lamour und deren Image dachte. Er knebelte seine Neuentdeckung zudem mit einem Siebenjahresvertrag. Hedy Lamarr gelang es zwischen 1938 und 1958 nie, die Studiotür zu einem halbwegs bemerkenswerten Film aufzustoßen. Ihren Auftritt in „Algiers“ (1938) verdankte sie Charles Boyer, als Urwaldschönheit Tondelayo in „White Cargo“ (1942) wurde sie mit Kakaobutter geschminkt, mit Cecil B. DeMilles „Samson und Delilah“ verdiente sie 1949 zumindest das Kapital, um sich als Produzentin absetzen zu können. Allerdings schaffte es keiner der von ihr produzierten Filme ins Kino. Sie musste sich als Ladendiebin vor Gericht verantworten, nur bei ihrer Scheidung von einem texanischen Ölmagnaten ließ sie sich von einem Double vertreten.

Alexandra Dean filtert aus dem immensen Archivmaterial das Bild einer komplexen Persönlichkeit, die beim Versuch, die Sehnsüchte des Publikums zu erfüllen, nur scheitern konnte. Hedy Lamarr ist bei Dean aber nicht nur das Opfer eines Studio-Systems, das die glamourösen „Sklavinnen“ mit Drogen versorgte, um sie lenken zu können. Letztlich war es die Diva, die nicht mehr zwischen Mythos und Wirklichkeit unterscheiden konnte.

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