Streit um Entschuldigung bei Rückgabe historischer Gebeine an Namibia

Berlin (APA/AFP) - Vor der Rückgabe historischer Gebeine aus Namibia in Berlin haben Opferverbände die immer noch fehlende Entschuldigung De...

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Berlin (APA/AFP) - Vor der Rückgabe historischer Gebeine aus Namibia in Berlin haben Opferverbände die immer noch fehlende Entschuldigung Deutschlands für die Kolonialverbrechen angeprangert. Die Haltung der Kanzlerin und des Bundestages in Hinblick auf die Verbrechen an den Volksgruppen der Herero und Nama sei „schockierend“, sagte Esther Utjiua Muinjangue, Vorsitzende der Ovaherero Genocide Foundation am Montag.

Die Staatsministerin für Internationale Kulturpolitik im Auswärtigen Amt, Michelle Müntefering (SPD), räumte bei einer Pressekonferenz mit Namibias Kulturministerin Katrina Hanse-Himarwa in Berlin ein, dass Deutschland bei der Aufarbeitung des kolonialen Erbes „noch einiges nachzuholen“ habe.

In den kommenden Tagen solle es jedoch vor allem „um die Rückgabe und die Rückführung“ der sterblichen Überreste an Namibia gehen, sagte Müntefering. Eine offizielle Entschuldigung bei der Rückgabezeremonie lehnten beide Regierungen ab; dies sei nicht der passende Rahmen.

Hanse-Himarwa bekräftigte, dass die Rückführung der Gebeine im Fokus ihrer Reise stünde. Dennoch seien „Entschädigung und Anerkennung und Entschuldigung“ Voraussetzungen für ein gutes Verhältnis beider Länder in der Zukunft. Diese Fragen sind seit Jahren Gegenstand von Verhandlungen beider Länder. Hanse-Himarwa führt am Mittwoch eine 74-köpfige namibische Delegation an, darunter auch Vertreter der Nama und Herero.

Eine Entschuldigung würde „das Heilen emotionaler Wunden“ möglich machen, sagte Opfervertreterin Muinjangue bei einer Pressekonferenz. Zuvor hatte bereits der Berliner Historiker Christian Kopp vom NGO-Bündnis „Völkermord verjährt nicht“ gefordert, dass die Übergabe der Gebeine an eine namibische Regierungsdelegation „von einer offiziellen Entschuldigung für Deutschlands koloniale Unrechtsherrschaft“ begleitet werden müsse.

Am Mittwoch übergibt die Bundesregierung im Rahmen eines Gottesdienstes in Berlin menschliche Gebeine an Regierungsvertreter des südwestafrikanischen Staates, die während der deutschen Kolonialzeit von 1884 bis 1915 unrechtmäßig nach Deutschland gebracht worden waren.

Es ist die dritte Rückgabe dieser Art seit 2011. Die Schädel waren während der Zeit des Deutschen Kaiserreichs zusammengetragen und nach Deutschland gebracht worden. Untersuchungen an ihnen dienten damals auch dazu, rassistische Theorien zu untermauern.

Im Jahr 1904 hatte der damalige deutsche Gouverneur der Kolonie Deutsch-Südwest-Afrika, Lothar von Trotha, die planmäßige Vernichtung der Volksgruppe der Herero angeordnet. In den folgenden Jahren wurden Schätzungen zufolge rund 100.000 Herero und Nama gezielt getötet.

Nach der Niederlage der Herero in der Schlacht am Waterberg drängten die deutschen Soldaten die überlebenden Männer, Frauen und Kinder in die Omaheke-Wüste und versperrten ihnen dort den Zugang zu den Wasserstellen. Viele verdursteten. Wenige Monate später erhob sich auch die Volksgruppe der Nama, dessen Mitglieder im Anschluss brutal verfolgt wurden.

Die Bundesregierung bezeichnet die Verbrechen inzwischen zwar als Völkermord, bisher gab es aber keine offizielle Entschuldigung und auch keine Entschädigungszahlungen. Berlin verhandelt seit einiger Zeit mit der namibischen Regierung über eine Aufarbeitung. Vor einem US-Bundesgericht wird seit März 2017 eine Sammelklage der Herero und Nama gegen Deutschland verhandelt.

Die Opferverbände kritisierten am Montag, dass sie als Vertreter der betroffenen Volksgruppen nicht direkt mit der Bundesregierung verhandeln dürfen. Ministerin Hanse-Himarwa verwies jedoch auf das „legitime“ Mandat ihrer gewählten Regierung, die zudem im Austausch mit den traditionellen Führern stünde.

Staatsministerin Müntefering begleitet die Gebeine nach der Rückgabe in die namibische Hauptstadt Windhuk, wo für Freitag ein Staatsakt geplant ist. Teil ihrer Delegation wird dann auch der Sonderbeauftragte der Bundesregierung, Ruprecht Polenz (CDU), sein. Er wird die Gespräche über die Aufarbeitung der deutschen Kolonialverbrechen fortführen.


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