Willkommen bei den Schuberts

Ein Schubert kommt selten allein. Jakob ist das Gesicht der bevorstehenden Kletter-Heim-WM. Schwester Hannah spekuliert mit einer Sensation. Bruder Ben macht den Moderator. Und der Rest? Drückt Daumen.

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© Thomas Boehm / TT

Von Max Ischia (Text) und Thomas Böhm (Fotos)

Innsbruck –Der ausrangiert­e Liegestuhl lehnt scheinbar vergessen an einem dicken Baumstamm. Die mächtige Steinmauer bröckelt da und dort und die imposanten Kastanienbäume haben schon Generationen als Schattenspender gedient. Einige dürften gut und gerne 150 Jahre auf dem Buckel haben. „Mindestens“, lächelt Jakob Schubert, der mit Schwester Hannah die kleine TT-Abordnung im großzügig angelegten Familiengarten im Innsbrucker Stadtteil Saggen begrüßt. Dass noch eine pizzagroße Lacke am Tischtennistisch vom nächtlichen Regen zeugt, passt irgendwie ins Gesamtbild. Hier war kein Gartendesigner am Werk, hier hat seit geraumer Zeit die Natur das Sagen. Nichts scheint perfekt und doch vieles stimmig. Eine Idylle, die unverfälscht rüberkommt – so wie die Schuberts.

„Familie“, sagt Jakob, die personifizierte WM-Hoffnung, „wird bei uns großgeschrieben.“ Was nicht zwingend etwas mit dem frühen Tod der Mutter zu tun hätte, die vor gut viereinhalb Jahren einem Krebsleiden erlag. „Natürlich hat das einiges verändert. Aber wir haben schon immer zusammengehalten. Das hat uns auch geholfen, mit dem Verlust von Mama einigermaßen klarzukommen.“

Hannah, die um sieben Jahre jüngere Schwester und auch schon U16- und U18-Weltmeisterin, war damals 16. „Ich musste ein bisserl schneller erwachsen werden“, nickt die Sport-BORG-Maturantin, die in diesem Sommer mit ausgezeichnetem Erfolg abschloss. Um ihren Hals baumelt an einem Lederband ein silbernes, aufklappbares Medaillon. Das Innere ziert ein Foto von Mama Michael­a und die Aufschrift „Ich bin immer bei dir“. „Mara (älter­e Schwester, Anm.) und ich haben das von Papa zu Weihnachten 2013 bekommen.“ Nicht die einzige Erinnerung. Erst im Frühjahr hat die Familie im Gedenken einen Kastanienbaum gepflanzt.

Für ihre im Jahr 2013 verstorbene Mama pflanzten Hannah, Jakob und ihre Geschwister einen Kastanienbaum im großen Familiengarten.
© Thomas Boehm / TT

Einmal in der Woche, meistens am Mittwoch, trifft man sich zum Abendessen. Also Papa Peter, von Beruf Lkw-Fahrer, die Geschwister Ben und Mara und eben Jakob und Hannah. Letztere kocht und backt leidenschaftlich und tischt nicht selten Wokgerichte mit Reis auf, „gerne etwas Currymäßiges“, wie sie lächelnd erzählt. Papas Spezialität sei Chili con Carne und Jakobs Flammkuchen seien deshalb legendär, weil er sie bislang erst einmal kredenzt hätte. „Meine Schwestern kochen so gut, das passt wunderbar“, schmunzelt der Mann, der auf andere Talente baut.

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Wenn nun in fünf Tagen die Kletterweltmeisterschaft eröffnet wird und es aus Sicht der Geschwister Schubert mit deren Parade­disziplin Vorstieg losgeht, dann lastet die Erwartungshaltung in erster Linie auf Jakob. Er, der Weltmeister von 2012 und amtierende Vizeweltmeister, hat schon vor Monaten seine Marschroute klipp und klar vorgegeben: „Ich will Gold“, sagt der Ausnahme­allrounder, der in den bisherigen vier Vorstieg-Weltcups zwei Siege feierte und zuletzt beim Boulder-Weltcupfinale in München als Dritter nach langer Zeit wieder vom Podest lachte und damit auch in der Kombination als Medaillen­kandidat gilt.

Hannah lässt sich getrost in die Kategorie „gefährliche Außenseiter“ einstufen. Auch wenn der fünfte Rang vom Weltcupfinale 2016 in Kranj (SLO) noch immer ihr bestes Ergebnis darstellt und in dieser Saison nicht alles wunschgemäß geklappt hat, traut sie sich „auf alle Fälle“ den Finaleinzug zu. „Und dort kann vieles passieren.“

Der dritte Schubert im WM-Einsatz ist der ältere Bruder Ben, der so manche Qualifikationsentscheidung moderieren wird. Der Rest der Familie wird alle Daumen drücken – und sich losgelöst vom WM-Ausgang schon demnächst zum gemeinsamen Abendessen verabreden. Vielleicht gibt’s ja wieder einmal Flammkuchen ...

Die Bäume waren schon früher da, aber auch der häufig genützte Tisch­tennistisch hat schon ein paar Jahre auf dem Buckel.
© Thomas Boehm / TT

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