„Dunkler Sommer“: US-Autor Burke schrieb einen seiner „besten Romane“

Wien (APA) - James Lee Burke ist einer der angesehensten US-Krimi-Autoren, seine Bücher sind intelligent, literarisch und tiefgründig. Mit „...

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Wien (APA) - James Lee Burke ist einer der angesehensten US-Krimi-Autoren, seine Bücher sind intelligent, literarisch und tiefgründig. Mit „Dunkler Sommer“ hat der 81-Jährige einen seiner „besten Romane“ abgeliefert, wie er selbst schreibt. Tatsächlich: Die Coming-of-Age-Geschichte um Mobbing, Vorurteile, Gewalt, Stolz und letztendlich über den Mut, sich Ungerechtigkeiten zu stellen, verdient höchstes Lob.

Die Handlung von „Dunkler Sommer“ ist im Texas des Jahres 1952 angesiedelt. Die Folgen des Krieges sind noch spürbar, Klassenunterschiede, Rassismus, Antisemitismus und ein neuer Krieg in Korea prägen die Stimmung. Im Mittelpunkt steht der 17-jährige Aaron, der in einen Streit zwischen dem Mädchen Valerie und dem Schulfiesling Gary gerät und sich in die junge Frau verliebt. Das löst eine Kette folgenschwerer, ja blutiger Ereignisse aus, denn Gary ist der Sohn eines einflussreichen Bohrunternehmers mit Beziehungen zur Mafia.

Burke entfernt sich mit „The Jealous Kind“, so der Originaltitel, noch weiter als bisher von seinem Stammgenre. Zwar spielen Verbrechen auch hier eine gewichtige Rolle, doch hat der Roman wesentlich mehr Facetten zu bieten, als die knappe Inhaltsangabe offenbart. In der Ich-Form rollt Aaron Jahrzehnte nach den Vorfällen den Fall auf. Der Bub von damals ist Schriftsteller geworden, man darf raten, wie viel autobiografische, keinesfalls verklärte Erinnerungen Burke verarbeitet hat. „Dunkler Sommer“ zeigt, wie unterschiedlich Teenager mit den Einflüssen aus ihrem Elternhaus umgehen, welche Moral ihr Handeln prägt, wie schnell sie auf die „falsche Seite“ geraten können - mit allen tödlichen Konsequenzen.

„Dunkler Sommer“ enthält eine Vielzahl kluger Gedanken und Beobachtungen, über die es sich nachzudenken lohnt. Burke ist ein exzellenter Menschenkenner, seine Figuren haben dementsprechend Tiefe und auch „die Guten“ sind nicht frei von Fehlern. Mit stilsicheren Sätzen definiert der in Houston geborene Autor seine Charaktere treffend - etwa wenn er eine Person als die Sorte Mensch beschreibt, „die glaubt, dass es eine Errungenschaft ist, Macht über andere zu haben, und die Gewalt als einen Beleg für den Mut eines Mannes ansieht“. Oder ein anderes Beispiel: „Er wirkte wie ein Mann, dessen Vergangenheit es nicht wert war, sich daran zu erinnern, und dessen Zukunft es nicht lohnte, sie überhaupt zu leben.“

Wenn Burke das Szenario eines Tagesanbruchs beschreibt, kann man die Wiesen förmlich riechen und den Luftzug spüren. Wenn er ein Verbrechen schildert, dann geht es ihm um mehr als um bloße Schockmomente. Wenn seine Figuren Gefühle offenbaren, kann man diese klar nachvollziehen. „Dunkler Sommer“ ist ein großes Lesevergnügen, spannend, unterhaltsam und zugleich ein berührendes Drama über Menschen und ein Land gleichermaßen im Umbruch.

(S E R V I C E - James Lee Burke: „Dunkler Sommer“, aus dem Amerikanischen von Daniel Müller, Heyne Hardcore, Taschenbuch, 560 Seite, 18,50 Euro)


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